Freie Wahl des Rentenalters – aus Utopie wird Wirklichkeit

Daswird der CDU nebst Schwesterpartei wahrscheinlich gar nicht schmecken. Während die Opposition noch in der vergangenen Woche mit genüßlicher Genugtuung dem Bundeskanzler den Vorwurf um die Ohren schlagen konnte, daß er die Antwort auf die Frage nach der Realisierbarkeit der versprochenen Reformen immer noch schulde, wird im Bonner Arbeitsministerium an einem Projekt gebastelt, das zusehends klarere Konturen annimmt. An der Einführung der flexiblen Altersgrenze, der freien – Wahl des Rentenalters innerhalb einer Marge von einigen Jahren, noch vor Ende dieser Legislaturperiode ist kaum mehr zu zweifeln. Auf die Wähler des Jahres 1973 wird das nicht ohne Eindruck bleiben. Zwei schier unüberwindliche Hürden standen derVerwirklichung dieses Vorhabens noch bis vor kurzem im Wege. Befürchtet wurde eine volkswirtschaftlich nicht tragbare Verringerung des einheimischen Arbeitskräftepotentials. Dazu kam das leidige Problem, das auch bei der Reformdebatte des Bundestages die zentrale Rolle spielte, nämlich mit welchen Mitteln dieser ansonsten von allen Parteien im Grundsatz befürwortete gesellschaftspolitische Fortschritt zu finanzieren sei.

Beide Hürden sind in den letzten Tagen zwar nicht völlig aus dem Wege geräumt, so doch auf eine Höhe reduziert worden, die mit einigem politischen Elan zu nehmen sein wird.

Eine Untersuchung des Erlanger Instituts für Berufsforschung kam zu dem Ergebnis, daß sich die negativen Auswirkungen der freien Wahl des Rentenalters auf den Arbeitsmarkt in relativ engen Grenzen halten dürften. Der Anteil der älteren Arbeitnehmer – also derjenigen, die von der flexiblen Altersgrenze schon in den nächsten Jahren Gebrauch machen können – an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen nimmt ab; die starken Geburtenjahrgänge der fünfziger Jahre werden für ein kräftiges Anwachsen des Arbeitskräfteangebots nach 1975 sorgen.

Und was die Finanzierungsfrage angeht, so eröffnet die neueste Arendtsche 137-Milliarden-Prognose (bis zum Jahre 1985 wird sich in den Kassen der Rentenversicherung beim jetzigen Stand der Gesetzgebung ein Überschuß in dieser Höhe ansammeln) ermutigende Perspektiven für das Reformwerk der flexiblen Altersgrenze.

Vor Illusionen freilich muß gewarnt werden. Es ist schon allein ein Gebot der Gerechtigkeit, daß mit der flexiblen Altersgrenze auch die Renten flexibel gemacht werden müssen. Wer sich für den früheren Ruhestand entscheidet, wird sich mit einer geringeren Rente zufriedengeben müssen, als derjenige, der länger im Arbeitsprozeß bleibt. Aber die zu erwartenden ansehnlichen Reserven der Rentenversicherung werden es, verbunden eventuell mit einer noch erträglichen Erhöhung des Beitragssatzes, möglich machen, diese unumgängliche Differenzierung nicht durch Rentenabschläge, sondern Zuschläge zur Rente (als Honorierung längerer Erwerbstätigkeit) zu praktizieren.

Die Einführung der flexiblen Altersgrenze – ihre große Popularität in der Bevölkerung haben jüngste Repräsentativ-Erhebungen ergeben – fristgerecht zu den Wahlen des Jahres 1973 könnte für die SPD ein ähnlicher Wahlschlager werden, wie es die fristgerechte Einbringung der dynamischen Rente zu den Wahlen des Jahres 1957 für die CDU/CSU gewesen war. Damals gewann die jetzige Opposition die absolute Mehrheit.

Solche hochfliegenden Erwartungen sind für die SPD sicher nicht angebracht. Doch nach dem vielen Verdruß, den die Sozialdemokraten bisher mit ihrer Reformpolitik hatten, wäre ihnen dieser Trumpf in der Hinterhand gewiß zu gönnen. Wolf gang Krüger