In einer Branche der Kulturindustrie, die auf immer raschere Amortisation ihrer Produkte drängt, wird jemand, der sich zwei Jahre Zeit läßt, um einen Film fertigzustellen, beargwöhnt. Haro Senft gilt als Außenseiter. Einst Mitinitiator jenes Oberhausener Manifests, das zum Startsignal des jungen deutschen Films wurde, hat er sich bis heute geweigert, sich in eine der Filmgruppierungen zwischen Coops und den Schamoni Brothers zu integrieren. Da er keinem nach dem Mund redet, da ihm das exhibitionistische Charisma eines Straub fehlt, wird Senft auf dem deutschen Kulturmarkt nicht gehandelt. Er hinterläßt keine Bildungslücke.

Sein Erstling „Der sanfte Lauf“ lief 1966 – nicht ganz zu Unrecht – allzu sanft, was nach Senfts Ansicht unter anderem auch daran lag, daß der Film von Constantin verliehen wurde. Deshalb entschloß er sich, seinen zweiten Film „Fegefeuer“ auf eigene Faust und eigenes Risiko zu vertreiben. Letzte Woche hatte der Film im Berliner „Bellevue“ Premiere, diesen Freitag startet er in Grassmanns „Abaton“ in Hamburg; Stuttgart, Frankfurt, München und weitere Städte werden folgen. Fraglich, ob sich auf solch mühsame und kostspielige Weise die Herstellungskosten werden einspielen lassen. Senft hofft auf einen Zuschuß des Kuratorium Junger Deutscher Film, das seine Kittel diesmal zur Vertriebsförderung verleihloser Filme verwenden möchte.

Das Thema von „Fegefeuer“ ist die Bewußtseinsveränderung Daniels, eines jungen Mannes, durch die Konfrontation mit einem Fall politischer Gewalt. Er wird Zeuge einer Entführung, befreit den Widerstandskämpfer und tötet einen seiner Gegner. Dann aber wird das Opfer sein Rivale, er sieht die Zweifelhaftigkeit seiner Aktion ein und stellt sich der Polizei.

Das anschließende Verhör gibt dem Film den Rahmen. Der Versuch einer Wahrheitsfindung scheitert, weil hier verschiedene Wahrheiten gesucht werden. Während Daniel den Richter mit Fakten versorgt, repetiert er den Prozeß seiner Bewußtwerdung. So ergibt sich die Dialektik zweier Realitätsebenen, die Schilderung des bloßen Hergangs und die Illustration eines Bewußtseins, einer inneren Wirklichkeit.

Haro Senft läßt beide Ebenen unmittelbar aufeinanderprallen. Immer wieder zerreißen Assoziationsketten von Schock- und Reizbildern den kausalen Ablauf und wird so der Zuschauer mißtrauisch gemacht gegenüber dem zusammengeklaubten Aktenmaterial des Richters. Innenwelt und Außenwelt, ihr Verhältnis zueinander, ihre Widersprüche werden jedoch nicht intellektuell schlüssig analysiert. „Ich sehe keinen Grund, warum man innere Realitäten nicht anerkennen sollte“, sagt Daniel einmal und später, in aller Naivität: „Ich bin ein Marxist. Ich glaube, daß es sich um den Menschen lohnt.“

Wenn „Fegefeuer“ so seltsam berührt, dann liegt das, abgesehen von der ungeheuren optischen Virtuosität (Kamera: Klaus Müller-Laue) und der Musik der „Supertramp“ an diesem reizvollen, unkommentierten Nebeneinander von Unvereinbarem. Brechts Erkenntnis, daß dort, wo Gewalt herrscht, nur Gewalt hilft, wird zwar zum Resümee Daniels auf dem Weg zu sich selbst, aber die von Brecht implizierte Konsequenz wird nicht gezogen. Daniel flüchtet sich ins Privatleben zurück. Wie Senft dieser Alternative mißtraut, zeigt das Schlußbild: Daniel mit einem Mädchen in der Achterbahn; dieses Bild bleibt stehen, dazu hört man das Rattern eines Maschinengewehrs. Wolfgang Limmer