Schlankheitskur. Dauerthema der Illustrierten. Keine Nummer ohne Kalorien. Punktdiät, Schlankheitsmassage, Schlankheitsgymnastik. Aber die Dicken bleiben dick, auch wenn sie so gut wie nichts mehr zu sich nehmen, und die Dünnen bleiben dünn, und wenn sie täglich noch so viel in sich hineinstopfen. Der Herr als kultivierter Feinschmecker wird das Ansinnen einer Schlankheitskur von sich weisen. Ist er dick, so trägt er seine Fülle mit Würde, nie wird er eine Mahlzeit nach Kalorien ausrechnen, nie auf kulinarische Offenbarungen verzichten. Ist er schlank, so dankt er seinem Schöpfer – und wird sich dennoch niemals vollstopfen.“

Mit diesem Stichwort haben mich die Autoren Geo T. Mary und Martin Pfeideler für ihr Buch „Gentleman heute“ (Horst Erdmann Verlag Tübingen und Basel) gewonnen, obwohl ich in der Regel keine Lebensregelbücher mag. Andererseits aber hat mich die Lektüre zu der bitteren Erkenntnis gebracht, daß ich kein Gentleman bin – nicht einmal ein Gentleman von heute, und daß ich keine Chance habe, noch einer zu werden. Denn erstens habe ich zuwenig Geld, um auf Maß gefertigte Anzüge und Schuhe zu tragen, auch sehe ich in absehbarer Zeit keine Möglichkeit, von meinem Geld die nötigen paar Groschen abzuzwicken, um eine Villa zu bauen und sie mit antiken Möbeln und klassischen Originalgemälden einzurichten, um damit meinen feinen Geschmack zu demonstrieren. Zwar wäre das noch nicht das schlimmste Hindernis, denn Geldmangel gilt ja immer noch gewissermaßen als gentlemanlike, während nur Geldsorgen einem Gentleman verboten sind. Aber (zweitens): ich habe nicht Zeit genug, um einen zweiten Beruf auszuüben; will man aber allen Gentleman-Regeln folgen, ist eben dies eine ganztägige Beschäftigung.

Die Frage ist indessen, ob es heute noch wirklich begehrenswert ist, ein vollkommener Gentleman zu sein, ja, ob es überhaupt gentlemanlike ist. Ist doch das erste Gebot eines Gentlemans, unauffällig zu bleiben. Ich kann mir schon vorstellen, wie man sich auf einer netten Hausparty mit vielen interessanten Leuten fühlt, käme man dorthin in einer vorschriftsmäßigen und für einen Gentleman absolut verbindlichen Abendkleidung!

Ein regelrechter Gentleman – zu seiner Vollkommenheit gehört auch ein wenig Konservatismus und ein Stich nostalgischer Verbundenheit mit dem alten guten British Empire – ist heute bewunderns-, aber nicht beneidenswert. Nicht nur, daß er mehr Regeln beachten muß als ein frommer Jude (der hat ja für jeden Tag lediglich 713 Vorschriften), er muß bei jeder Konfrontation mit der Gesellschaft furchtbar leiden.

Freizügigkeit, gemäßigte freilich, wird dem vollkommenen Herrn nur in bezug auf das Speisen erlaubt. (In dieser Hinsicht bin ich fast ein Gentleman!). Doch weiter: die Herren-Bibel enthält keine Regeln für sexuelles Verhalten und Liebe. Einzelne, verstreute Bemerkungen kann man allenfalls den Kapiteln „Der Herr schenkt“ („Schenkt er der Geliebten ein Perlenhalsband, so wird er zur gleichen Zeit die Ehefrau mit einem neuen Pelzmantel bedenken“) oder „Der Herr diskutiert“ (über Petting kann man sprechen, eigene Liebeserlebnisse erzählt man nicht) entnehmen.

Will ich ehrlich sein, muß ich gestehen, daß ich doch gerne ein wenig Gentleman sein möchte. Die Sache mit der Liebe ist mir aber nicht ganz klar. Ich möchte doch Bescheid wissen, und die Geschenkregeln sind für mich unnütz, da ich Gott sei Dank keine Ehefrau und leider Gottes kein Geld für Pelzmäntel besitze. Ist Liebe überhaupt nicht gentlemanlike? Oder ist in diesem Bereich alles gentlemanlike? Oder ist Sex jenseits von Gentleman- und Nichtgentlemansein?

Einige Regeln möchte man schon haben. Aber vielleicht kann man versuchen, sie selber zu formulieren. Zum Beispiel: