Von François Bondy

Zwei von Frankreichs drei gemeinsamen Nobel-Preisträgern für Molekularbiologie, Jacques Monod und François Jacob, haben gleichzeitig Bücher veröffentlicht, von denen das von Jacques Monod „Zufall und Notwendigkeit“ (Seuil) ein Bestseller wurde (140 000 Exemplare) und die beide im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und heftiger Diskussion stehen. Jacques Monod wagt sich, und nicht zum erstenmal, offen und sogar schneidend politisch auf das Gebiet der Weltanschauung und der Philosophie vor, indem er eine auf die neuen molekularbiologischen Erkenntnisse gründende Naturphilosophie vorschlägt; François Jacob wiederum stellt in seinem Buch „Die Logik des Lebenden“ (Gallimard) umfassend die neuerdings stürmische Geschichte der zellularen und genetischen Entdeckungen dar, die er wie eine Reihe ineinander geschachtelter russischer Puppen sieht, eine stets wachsende neu erkannte Komplexität des Kleinsten.

Ein Bestseller war ja schon das Buch des englischen Nobelpreisträgers Watson über die Doppelspirale des genetischen Codes, „Die Doppel-Helix“, doch hatte Watson auch Erfolg gehabt durch seine freimütige Darstellung der Wissenschaftler als einer' Gruppe von Menschen mit ihren Eifersüchten, Unzulänglichkeiten, ihrem Ehrgeiz, ihrem Teamwork – es war eine human-interest-story über Forscher ebenso wie ein Bericht über Forschung. Nichts dergleichen bei Monod, Jacob oder ihrem Kollegen Lvov, der schon einige Jahre früher ein jetzt neu verlegtes Buch zu diesem Thema veröffentlicht hatte.

Unter den Kommentaren, die die Werke von Jacques Monod und Françis Jacob provoziert haben, ist der ausführlichste nicht von einem Biologen verfaßt, sondern von Edgar Morin, einem philosophisch veranlagtem Soziologen, der diesen Büchern einen umfangreichen Aufsatz im Nouvel Observateur unter dem Titel „Die neue Revolution der Wissenschaft“ gewidmet hat und fragt, welche Folgen die hier vorliegenden Einsichten und Hypothesen auf das Selbstverständnis des Menschen haben können.

Zunächst ist bei Monod wie Jacob eine strenge Absage an jede Art von Theologie, von Teleologie, jede Vorstellung einer Zielstrebigkeit in der Entwicklung zum Organischen und des Organischen hervorzuheben.

Die Hauptrolle bleibt die des „Zufalls“, das heißt von Mutationen, die sozusagen glückliche Irrtümer darstellen; abgesehen von solchen vererbbaren zufälligen Veränderungen der genetischen Substanz herrscht die absolute Weitergabe des Identischen, also die Kontinuität im starrsten Sinne. Wird hier Leben auf physisch-chemische Prozesse „reduziert“? Der Begriff der Reduktion, der das Komplexe jeweils auf weniger Komplexes zurückführt, wird auch von Biologen und anderen Wissenschaftlern in Frage gestellt, so von Michael Polanyi als „Reduktionismus“ abgelehnt. Anders Monods These, wonach sich das Komplexe nicht aus dem Einfacheren „entfaltet“, sondern durch Ereignisse – er sagt ausdrücklich Zufälle –, die hernach fixiert werden, entsteht, also niemals im Vorhergehenden angelegt war. Das Leben war nicht in der Materie angelegt, der Mensch nicht im Biologischen. Es kam so, durch Zufälle, von denen namentlich die Entstehung einer lebenden Zelle eine Wiederholungschance hat, die infinitesimal ist.

Damit ist an der Wurzel der Biologie der Begriff des Ereignisses, des einmaligen, nicht regelmäßigen Geschehens eingeführt, an der Basis der Wissenschaft, die es dann mit Regelmäßigkeiten zu tun hat, und das zu einer Zeit, in der gerade in Frankreich Historiker wie Soziologen die „Strukturen“ gegenüber den Ereignissen bevorzugen, die Zusammenhänge gegenüber den einzelnen „Störfaktoren“. Sowohl der Marxismus, für den es eine Naturdialektik gibt, wie der Existentialismus, für den das Ereignis eine „Entscheidung“ ist, wie der Strukturalismus, für den die statistischen Beziehungen über die einmaligen überwiegen, haben in dieser „Naturphilosophie“ einen Gegner. Die Evolution wird nunmehr die Geschichte folgenreicher Abweichungen, ein Zusammenspiel von Notwendigkeiten und Zufällen.