Von Paul Moor

Nun weiß Jürgen Bartsch, was die Kammer, die ihre und seine Gesellschaft vertritt, als ein gerechtes Schicksal für ihn als vierfachen Kindermörder für richtig hält; und nächste Woche werde ich mich hier damit auseinandersetzen. Seine eigene Reaktion darauf kenne ich noch nicht, aber am 3. Februar hatte Jürgen, Bartsch mir geschrieben:

„Sie haben den Eindruck also, ich möchte nicht gern, in eine Heilanstalt. Ich möchte schon in eine Heilanstalt, aber ich habe auch Angst davor. Die Gefängnisse sind heute von Mäusen und Ratten befreit, bei den Heilanstalten ist das oft noch nicht der Fall. Unsere Heilanstalten sind teils älter als unsere Gefängnisse und daher auch teilweise ungepflegter, ja, oft sollen sie in einem geradezu menschenunwürdigen Zustand sein.

Im ,Spiegel‘ habe ich gelesen, daß die Neuen erst einmal einen Tag splitternackt in einen Gitterkäfig gesteckt würden, daß die Wärter angeblich oft grundlos Insassen bis zur Bewußtlosigkeit prügeln würden, daß Post an Rechtsanwälte meist festgehalten würde, ja, daß sogar ‚manche Wärter den Insassen die Hälfte des Essens wegessen’ (,Spiegel‘). Und da fragen Sie, warum ich eventuell nicht gern in eine Heilanstalt möchte. ‚Es ist allgemein bekannt, daß Homosexuelle große Angst vor körperlicher Gewalt haben‘, weiß ein ‚stern‘-Roman. So soll es denn sein, wenn es schon geschrieben steht. Aber zwischen ‚Angst und Gewalt‘ und ,Wehrlosigkeit‘ besteht immerhin ein Unterschied. Und ich bin der Ansicht, daß ich im Leben genug geschlagen und getreten worden bin. Wenn die Schauergeschichten, die über unsere Heilanstalten in Umlauf sind, der Wahrheit entsprechen, also wenn das zutrifft, dann bin ich im Notfall sogar bereit, um Lebenslänglich‘ zu kämpfen, allein um zu überleben. Ich habe Prof. X. gefragt, ob die Geschichten stimmen. Ganz so schlimm sei es wohl nicht, meinte er. Das kann man nun auch wieder verstehen, wie man will. Tatsache jedenfalls ist, daß der Vorsitzende in Wuppertal gesagt hat: ‚Da darf er nicht hin, da würde er in kurzer Zeit sterben‘ – wie immer er das gemeint haben mag. Male ich schwarz? Vielleicht habe ich Angst, wahrscheinlich sogar, aber wer ist da, der sie mir nehmen kann?

Wenn meine Ahnungen wirklich nur Alpträume sind, dann wäre ich gern in einer Heilanstalt, in der man vielleicht versuchen würde, mir zu helfen, daß ich gesund werden kann (entschuldigen Sie das Wort).“ Soweit Jürgen Bartsch.

Befürworter und Anfechter des Urteils der Düsseldorfer Jugendkammer können es dem Gericht nicht vorwerfen, eine zu enge Skala von psychiatrischen und psychologischen Meinungen angehört zu haben. Acht Hauptgutachter saßen da in einer Reihe, und von den Presseplätzen aus betrachtet, saßen sie von links nach rechts geordnet wie in einem Parlament, in mehr oder weniger passender Reihenfolge von fortschrittlich bis zu konservativ: Rasch, Lempp, Bosch, Brocher, Müller-Luckmann, Mantell, Lauber und Panse.

Prof. Bosch entdeckte „keine schwerwiegenden Faktoren“ während des ersten Lebensjahres von Jürgen Bartsch, was bedeuten muß, daß er es nicht schwerwiegend fand, daß das Baby unmittelbar nach der Geburt von seiner Mutter endgültig getrennt wurde, daß es seine ersten elf Monate auf einer sterilen Station der Essener Frauenklinik ohne eine Bezugsperson verbringen mußte und daß die Krankenschwester es fertigbrachte, es in dem gefährlich anormal frühen Alter von nur elf Monaten „sauber“ zu kriegen. Ansonsten aber lieferte Prof. Bosch ein aufgeklärtes Gutachten. Unter anderem würdigte er die „überfordernde Persönlichkeit“ der harten Adoptivmutter mit ihrer „undurchschaubar schwankenden Stimmungslage“ und, wie Herr Bartsch es selber im Gerichtssaal beschrieben hatte, ihrer „ruppigen Sauberkeitserziehung“. Über Jürgen fragte er, „wie sollte er sich seiner Mutter gegenüber durchsetzen, wenn das nicht einmal seinem Vater gelang“?