Von Manfred Sack

Nicht wahr: irgendwann in jedem Urlaub regnet es einmal. Regen ist geradezu ein Signal dafür, die Burgen zu stürmen, die Schlösser, die Museen. Regen ist der intensivste Antrieb, sich in den Ferien kultureller Bedürfnisse zu erinnern. Wer denkt denn gleich an Belehrung – es macht ja auch Spaß. Zwar ist man, zum Beispiel, in Kärnten nicht wie in Florenz von lauter ewigen Werten umgeben, man braucht weder Italienisch noch Latein, nicht einmal von Kunstgeschichte braucht man etwas zu verstehen – denn hier lernt man etwas anderes.

Man lernt zum Beispiel Sippengeschichten; je emphatischer sie die Museumsführer präsentieren, desto eher darf man sie wieder vergessen. Das Land ist ja voller Burgen und Schlösser, also voller (historischer) Grafen, also voller Familiengeschichten, eherner und kauziger, und die Stammbäume wuchern – wie angenehm, daß man ihr Wurzelwerk nicht zu betrachten braucht. Manchmal sind solche Schlechtwettererlebnisse sehr lustig, manchmal lernt man was dazu, manchmal wird man tieftodtraurig, manchmal langweilt man sich jämmerlich. Aber die Empfehlung bleibt: In die Burgen, wenn’s regnet!

Burgen sind wie Schlösser oder andere Häuser irgendeiner ehrwürdigen Vergangenheit fast immer identisch mit Museen. Ein geradezu klassischer Fall eines sogar noch erweiterten Medienverbundes in Sachen Kultur findet sich in Spittal an der Drau. Dort steht das wuchtige Renaissanceschloß Porcia, ein annähernd quadratischer Bau, von außen bescheiden, im Innenhof hübsch ziseliert. In diesem Hof ereignen sich jedes Jahr in der Sommersaison die Komödien-Festspiele, ein relativ kleines Ereignis, aber beinahe immer außerordentlich lohnend: denn hier wird gutes Theater gemacht.

Im ersten und im zweiten Stockwerk befindet sich sodann, ein Kärntner Abenteuer, das jeden, der ein bißchen Sinn für derlei Exponate hat, aufrühren muß: Diese ausladenden Räume beherbergen ein ungewöhnlich reichhaltiges Heimatmuseum. Man braucht nur zu schauen, und zu lesen. Und wenn man die etwas verjährte Warnung beherzigt hat, „Stahlstöckel dem Holz tun weh’ – darum auf weichen Sohlen geh’“, darf man beginnen und sinnend betrachten.

Etwa den Eisenfuß des ersten Großglockner-Gipfelkreuzes, irrwitzig beschlagene, unverwüstliche Bergschuhe, den Bergsteigerhut von Gottfried Meier, der gewiß ein wichtiger Mann war, man sieht Berglichter, Bergführerbilder, Bergtelephone, Bergsteigereisen und viele andere dargestellte Kombinationen mit Berg. Man liest die „Legende zur Großglockner-Überquerung einer Feldhaubitzenbatterie im Jahre 1913“, welche sich unter den Augen des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand, des Kriegsministers v. Krohatin, des Generalstabschefs v. Hötzendorf und anderer bedeutender Menschen vollzog – und doch nichts anderes zum Inhalt hatte, als daß ein paar arme geschundene Musketiere ein paar schwere Kanonen übers Gebirge zu schleppen hatten. Welch eine Verschwendung an Kraft und Schweiß!

Man sieht auch die Turmuhr des Verweserhauses der Eisenwerke in Eisentratten, 1546 geschmiedet und mannshoch; ein halbes Hundert einfallsreich konstruierter Bügeleisen aus der vorelektrischen Zeit; Scheren, Schlösser, Schlüssel, einen Eisenstuhl, geflochten, zwei gewaltige Alphörner mit Trichtern von einem Meter Durchmesser, wie Feldschlangen auf Räder montiert, und dann liest man auch wieder etwas: „Reiten Jagen Fechten Schwimmen / Schlittschuhlaufen Bergerklimmen, / Alles dies ist nur ein Schmarn, / Gegen das Bicycle fahren!“