Von Dev Murarka

Der XXIV. Parteitag der KPdSU wird es bestätigen: Der Generalsekretär der Kommunistischen Partei, Leonid Iljitsch Breschnjew, ist der mächtigste Mann der Sowjetunion, der respektierte Nachfolger Lenins, Stalins und Chruschtschows.

Im Gegensatz zu dem Aufstieg seiner Vorgänger verlief Breschnjews Karriere freilich wenig spektakulär. Der massige Mann aus der Ukraine ist vorsichtiger, aber auch farbloser als die vorhergehenden Sowjetheroen. Breschnjews Macht beruht weniger auf überragenden Leistungen oder originellen Ideen, als auf dem Beherrschen der Parteimaschinerie. Als er nach Chruschtschows Sturz im Oktober 1964 das Amt des Ersten Sekretärs der Partei übernahm, war er Primus inter pares in einem Führungsgremium, dem niemand große Zukunftschancen einräumte. Politische Beobachter wetteten vielmehr, daß sich Breschnjew kaum länger als ein – paar Jahre an der Spitze halten könnte.

Doch Breschnjews Position blieb bemerkenswert stabil. Zwar verfügt er weder über das Prestige noch über die Autorität, auf die sich Chruschtschow auf der Höhe seiner Macht stützen konnte – nicht umsonst behaupten manche Kenner des Kremls, Breschnjews größter Vorteil sei seine Mittelmäßigkeit. Doch mit dieser Eigenschaft verstand er es in den vergangenen sechseinhalb Jahren, nicht nur zu überleben, sondern sich an die Spitze der Kremlführung zu setzen und gleichzeitig Moskaus wichtigster Sprecher in außenpolitischen Fragen zu werden. Nicht die Regierung, sondern Breschnjew trägt in letzter Konsequenz auch die Verantwortung für den Erfolg oder Mißerfolg der sowjetischen Wirtschaftspolitik und für die Behandlung der Intellektuellen. Ihn treffen Tadel oder Lob für die CSSR-Invasion und die Interventions-Doktrin, die seinen Namen trägt. Schließlich ist er verantwortlich für Rußlands Rolle im Nahost-Krieg, die Fortsetzung des Disputs mit Rotchina und auch für den Vertrag mit der Bundesrepublik.

Als Lenin starb, war Breschnjew achtzehn. In Dnjepropetrowsk, seiner Heimatstadt, besuchte er das Institut für Metallurgie und wurde Ingenieur. Erst 1931 trat er in die Partei ein. Seine Funktionärskarriere begann im Provinzapparat. Während des Krieges war er politischer Kommissar im Rang eines Obersten. Er galt in jenen Jahren als Schützling Chruschtschows. Im Oktober 1952, kurz vor Stalins Tod, gelang ihm ein großer Schritt vorwärts: Er wurde Kandidat im plötzlich erweiterten Parteipräsidium, das das kleinere Politbüro ablöste. Zwar verlor er diesen Posten wieder, als Stalins Erben das Präsidium verkleinerten. Aber 1954 übertrug ihm Chruschtschow ein wichtiges Amt: Er wurde sein persönlicher Beauftragter, der die höchst umstrittene „Urbarmachung“ in Kasachstan vorantreiben sollte. In allen Auseinandersetzungen um Chruschtschow legte sich Breschnjew nie fest, er galt als ein Mann der Mitte, der auf Ausgleich und Kompromiß bedacht war. Geschicktes Taktieren brachte ihn schließlich in der Hierarchie des Kremls auf den zweiten Platz hinter Cruschtschow. Als dieser gestürzt wurde, konnte Breschnjew nicht mehr übergangen werden.

Die Männer, die mit Breschnjew dann die Führungsmannschaft bildeten, gehörten derselben Generation an wie er. Sie sind wie er Karrierepolitiker. Offensichtlich ist Breschnjew ein Mann von erheblicher Widerstandskraft und Zähigkeit, und doch ist die Stabilität seiner eigenen Position heute untrennbar mit der Stabilität der Führungsspitze verbunden. Seitdem Chruschtschow aus dem Politbüro entfernt wurde, verließen nur drei Mitglieder dieses Gremium; seit dem letzten Parteikongreß vor fünf Jahren gab es überhaupt keinen Wechsel mehr. Diese Kontinuität bedeutet zweierlei: Innerhalb des Führungsgremiums gab es trotz aktueller Meinungsunterschiede keine unversöhnlichen Gegensätze. Die Gewichtsverteilung an der Spitze ist so ausgewogen, daß keiner der Kremlführer entfernt werden darf, da andere sonst zu mächtig werden könnten. Breschnjews Name wird oft mit der konservativen Parteiorthodoxie in Verbindung gebracht. Doch hat er mit seinen Entscheidungen immer wieder bewiesen, daß er ein Mann der Mitte ist – was heute in der Sowjetunion heißt, rechts von der Mitte zu sein.

Breschnjew hatte nichts dagegen einzuwenden, daß „Neo-Stalinisten“ gegen Chruschtschows Liberalisierung aufmarschierten und den Prozeß der Entstalinisierung stoppen. In diese Periode fielen die Prozesse gegen Schriftsteller und auch die ČSSR-Invasion. Diese Erfolge ermutigten die Konservativen, eine Kampagne zu starten, die Stalin völlig rehabilitieren sollte. Ihren Höhepunkt erreichte sie im Dezember 1969 am 90. Jahrestag von Stalins Geburtstag. Doch hier deutete sich bereits ein Wechsel an. In der Prawda erschien lediglich ein kleiner Artikel, der die Kritik an Stalins Personenkult wiederholte. Es hieß, ein für Stalin schmeichelhafter Artikel sei in letzter Minute auf höhere Weisung verhindert worden.