Frankfurt

Albert Osswald, Ministerpräsident in Wiesbaden und sozialdemokratischer Parteichef des als links verschrienen Bezirksverbands Hessen-Süd, berief sich auf Konrad Adenauer. Der „Alte von Rhöndorf“, so erinnerte sich der Regierende aus dem neuerdings etwas ramponierten roten Musterland, habe seinerzeit mit einer Stimme Mehrheit die Macht in, der Bundesrepublik übernommen – also könne er, Osswald, das in Hessen sicher auch.

Die Berufung auf einen Großen der bundesdeutschen Nachkriegspolitik fiel dem Ministerpräsidenten in der bislang schwersten Stunde seiner erst eineinhalbjährigen Regierungszeit ein: Am vergangenen Wochenende auf dem Bezirksparteitag der Südhessen in Offenbach, als Osswald die Bestätigung im Amt des Vorsitzenden lediglich mit der kleinsten denkbaren Mehrheit erlangte. Schon eine Stimme weniger hätte den Eklat perfekt gemacht und den als gänzlich ungefährdet geltenden Spitzenpolitiker in einen zweiten, möglicherweise gar einen dritten Wahlgang gezwungen – und da:, obgleich es keinerlei personelle Alternativen gab.

Doch Albert Osswald – nicht nur der Adenauer-Vergleich zeigt es – reagierte in der Art eines Mannes, der auf der Treppe stolpert, die Peinlichkeit aber dadurch zu kaschieren trachtet, daß er das Mißgeschick als einen allgemeinen, auch auf die Zuschauer zu beziehenden Vorgang beklagt. „Er eilte“, wie die Frankfurter Rundschau registrierte, „mit federnden Schritten ans Rednerpult und erklärte den verdutzten Delegierten, ... daß wir alle durch eine schwierige Phase hindurch müssen.“

Die Analyse des „Denkzettels“, den die forschen Südhessen nach der weitgehenden Entmachtung der Jungsozialisten im vergangenen Jahr diesmal ihrem Chef verpaßten, hat einige Unbekannte ins Kalkül einzubeziehen. Etwa: Wie verhielten sich die Jusos, die ihren Niedergang auf dem Parteitag 70 nicht zuletzt als „Auftragsarbeit“ des Genossen Vorsitzenden empfanden? Karsten Voigt wehrte ab: Das Partei-Jungvolk treffe an dem „Debakel“ keine Schuld, die Urheber seien andernorts zu suchen. Und in der Tat spricht vieles dafür, daß Osswald von jenen an den Rand des Ruins gebracht wurde, die er bislang unablässig umgarnte und päppelte, als seine Hausmacht betrachten durfte: die Fraktion der Landräte und der kleinen Größen aus den unteren Gliederungen der Provinz, die im unversehens angebrochenen Zeitalter der „latenten“ Verwaltungsreform um den Verlust von Macht und Einfluß fürchten.

Diese Reform, die in letzter Konsequenz zugunsten funktionstüchtiger Verwaltungseinheiten ungezählte verschiedene Fürstentümer einebnen soll, ist das Maß der Dinge, an dem die Spitzen der hessischen Mehrheitspartei auf unabsehbare Zeit gemessen werden dürften.

Die offizielle Lesart freilich sieht etwas anders aus. Sie heißt, der Ministerpräsident habe gediegenen Führungsstil vermissen lassen und nach dem benachbarten Mainzer Karnevals-Grundsatz „Allen wohl und niemand weh“ die Probleme sich förmlich anstauen lassen. Der Angriff ist sicher nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen, fällt jedoch größtenteils wieder auf die Kritiker zurück. Denn der bestrafte Osswald war wohl nie konzeptionsloser als auf dem Parteitag des vergangenen Jahres, da jene, die jetzt allerlei Konfusitäten beklagen, die Stabilisierung der eigenen Macht erst dem unsicheren Hauptakteur aus Wiesbaden zu verdanken hatten. Mit-anderen Worten: Die „Landräte-Fraktion“, die ohne Osswalds augenzwinkernde Zustimmung kaum das große Abräumen der „linken Städter“ hätte wagen können, wandte ihre Kampfkraft neuerdings gegen den Günstling von gestern.