Professor Dr. Karl Elling lehrt an der St. John’s University in New York, USA, Betriebswirtschaft. Er vermittelt in diesem Artikel seine Eindrücke über das Managementsystem in der sowjetischen Industrie. Die Aufzeichnungen basieren auf Firmenbesuchen und Besprechungen mit leitendem Industriepersonal und Fachkollegen.

Etwas Wesentliches hat der sowjetische Manager in den letzten fünf Jahren dazugelernt: daß sein Betrieb Gewinne erzielen muß, um konkurrenzfähig zu bleiben. Diese neue Wirtschaftsordnung – weder reine zentral geleitete Verwaltungswirtschaft noch Marktwirtschaft – nennen die Russen den „demokratischen Zentralismus“. Das neue System basiert auf wirtschaftlicher und politischer Harmonie in der betrieblichen Entscheidung. In der Praxis bedeutet das also immer noch, daß die Richtlinien der KP oberstes Gesetz auch für den Manager sind.

Die Reform des Jahres 1965 hat aber eine Neuerung eingeführt, die das gesamte Wirtschaftssystem in den kommenden Jahren stark wandeln wird. Um nämlich die Selbstinitiative des einzelnen Arbeiters und Managers zu wecken, werden plan- und überplanmäßig erfüllte Produktionsquoten belohnt. Während sich die sowjetischen Wirtschaftsplaner bei der Planerfüllung vor 1965 allein auf die sozialistische Begeisterung verlassen hatten, brachte die Reform von 1965 einen wirksamen, finanziellen Ansporn des Arbeitseifers.

Somit liegen erhöhte betriebliche Entscheidungsbefugnisse in den Händen der Manager. Theoretisch steht jedem Betrieb ein administrativer Direktor vor, der alleinverantwortlich ist. Ihm unterstehen ein Oberingenieur und ein Chefvolkswirt. In der Praxis scheint sich aber an der Betriebsspitze die Führungskraft durchzusetzen, deren fachliche, persönliche und politische Qualifikation am besten ist.

Der Direktor wird als Repräsentant der sowjetischen Staatsgewalt angesehen. Er wird von dem für seinen Industriezweig zuständigen Ministerium ernannt und muß auch von der lokalen KP akzeptiert werden. Direktorenposten fallen daher im allgemeinen an Parteimitglieder. Die Hauptfunktion des Direktors ist die Überwachung der Produktion. Außerdem ist er (oft in Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft) für Personalfragen zuständig. Diese Funktion schließt vor allem Einstellung und Entlassung, technische, kulturelle und politische Bildung der Belegschaft sowie soziale Aufgaben ein.

Der Oberingenieur ist die zweitwichtigste Führungskraft des Betriebes. In der Abwesenheit des Direktors ist er für den gesamten Betrieb verantwortlich. Auch er wird vom zuständigen Industrieministerium ernannt. Er ist vor allem für die technische Überwachung der Produktion zuständig.

Der Chefvolkswirt ist der neue Mann im Triumvirat des sowjetischen Betriebes. Auch er wird von dem Ministerium eingestellt. Seite Hauptaufgaben: Nachfrage- und Angebotsdaten, Erhöhung des Gewinns für seinen Betrieb und Repräsentant seines Betriebes bei den Verwaltungsorganen. Der Chefvolkswirt könnte also als eine „marktwirtschaftliche Keimzelle“ in der Verwaltungswirtschaft charakterisiert werden. Er steht im Denken und Handeln einem deutschen Industriemanager am nächsten.