Ein junger Regisseur des Stadttheaters Würzburg, Erich Michalka, ist gegenwärtig der Buhmann der reaktionären Honoratioren Würzburgs. Verantwortlich für die Zusammenarbeit "Jugend und Theater" probt er seit drei Monaten mit 40 Lehrlingen, Schülern und Studenten das Stück "Krieg ist wunderschön / Lust ist Sünde", dem Calderons "Richter von Zalamea" zugrunde liegt. Die Konzeption zu diesem Stück und Michalkas Arbeitstext-Vorlage wurden im Kollektiv erarbeitet und werden parallel zu der Entwicklung des Spiels während der Proben von allen Beteiligten verändert. Von Calderons Vorlage bleibt nur der grobe Handlungsablauf erhalten; Michalka will "zwei Ebenen zeigen, die den ideologischen Hintergrund des Stückes analysieren: die eine zeigt Verhaltensweisen, die von der christlichen Moralvorstellung bestimmt sind, wobei das Spiel entsprechend rituellen Charakter hat. Dem gegenübergestellt sind Verhaltensweisen, deren Stichworte Soldat, Werbung, Vergewaltigung und Rache sind": eine Collage aus Zitaten, Agitationen, Pop-Musik, Gruppendynamik und Materialaktionen.

Der Kulturdezernent Voll beargwöhnt diese progressive Entwicklung am Stadttheater seit Beginn dieser Spielzeit, seit Amtsantritt des Intendanten von Groeling; denn er sieht seinen früheren Einfluß auf das Theater in Gefahr. Nichts konnte ihm für eine Machtprobe willkommener sein, als Michalkas "Krieg ist wunderschön", das vom 8-Uhr-Blatt als "antiautoritäres" Stück bezeichnet wurde, in dem es unter anderem um die "Enttabuisierung des Sexuellen" ginge. Ohne Wissen des Jugendreferenten und Dramaturgen Michalka hat sich Voll nicht autorisierte Textvorlagen besorgt, die an CSU-Stadträte weitergegeben wurden.

Das Jugendtheater wurde daraufhin zum Thema der letzten Kulturausschußsitzung des Stadtrates der Stadt Würzburg. Von Groeling gab eine Grundsatzerklärung über die Aufgaben des Würzburger Jugendtheaters ab, die die Förderung. der Kreativität, die Bewußtseinsbildung und die Heranführung der Jugend an das Theater ohne parteipolitische Ausrichtung zum Inhalt habe. Die CSU-Fraktion nahm das Jugendtheater ins Kreuzfeuer: der Fraktionsvorsitzende Stadtrat Hatzold, der das Stück nur aus der längst veränderten Textvorlage kennt, sprach in seiner Philippika von seinem "unguten Gefühl" dem Jugendtheater gegenüber. Er sagte, seine Fraktion wolle sich "nicht als Zensor aufspielen"; zugleich forderte er eine "Überprüfung" des Stückes durch den Stadtrat, die Elternbeiräte der höheren Schulen sowie die Vorstände der Christlichen und der Jungen Theatergemeinde, damit der in dieser Theaterabteilung herrschende "Geist" und die "Zielrichtung" nötigenfalls "abgestellt wird und zwar sofort". Denn "wenn das Stück so aufgeführt wird" (wie es die CSU aus der genannten Textvorlage kennt), "dann gibt es kein sexuelles Tabu mehr!" Und wenn man die anstößigen Stellen streiche, bliebe von diesem Stück nichts mehr übrig. Und "eine Enttabuisierung des Sexuellen macht das Stück tot" (Göhler). Trotz der Vorbehalte einiger Stadträte, der Text, auf dem sich die CSU beziehe, sei nicht mehr existent, war die CSU der Meinung, ein Jugendreferent, der solche "schmierigen Texte" sich überhaupt ausdenke, sei in dieser Stadt nicht tragbar. Mitglieder der SPD-Fraktion hatten sich die Proben des Stückes angesehen und zeigten sich "beeindruckt"; gleichzeitig warnten sie ihre Stadtratskollegen vor inquisitorischem Vorgehen; SPD-Oberbürgermeister Zeitler allerdings schränkte ein: "Es gibt gewisse Verpflichtungen für ein Stadttheater... Und irgendwo liegen die Grenzen."

Offensichtlich versucht die CSU mit dem selbstaufgebauten Popanz "Rote Zelle Stadttheater" an eine Mentalität zu appellieren, von der sie glaubt, daß sie in Würzburg weitverbreitet sei; möglicherweise versucht sie eine langfristige Wahlkampfstrategie für die Kommunalwahlen 1972 einzuleiten. Peter Roos