„Das suchen nach dem gestrigen tag oder schnee auf einem heißen brotwecken“, von H. C. Artmann. Endlich wird dieser Autor „sozialisiert“: vor kurzem legte der Suhrkamp Verlag einen Artmann-Reader vor („The Best of H. C. Artmann“), bald darauf „Von denen Husaren und anderen Seil-Tänzern“ in der Bibliothek Suhrkamp, und nun erscheint endlich, nach der asozial teuren Luxus-Erstausgabe von 1964 bei den Walter-Drucken, eine erschwingliche Ausgabe von Artmanns Tagebuchfragment mit Aufzeichnungen über einen Herbst und Winter in Malmö. Man muß schon jemand sein und überdies schreiben können, um sich heute noch die Veröffentlichung eines Tagebuchs leisten zu dürfen; es muß Substanz da sein, damit das in jedem Tagebuch steckende Gran Selbstbespiegelung und Exhibitionismus nicht peinlich wird. Doch wie bei der spielerischen Wiederbelebung anderer, inzwischen verschollener oder unmöglich gewordener Gattungen schafft es Artmann auch hier: Er ist exzentrisch, poetisch, närrisch, schwermütig und tiefsinnig genug, um den Leser mit seinem Leben und Denken, seinem Raten und seinen Taten behelligen zu dürfen. Er schreibt von seinen Träumen und seinen Übersetzungen, von Begegnungen mit Raben, spricht prophetische Worte über Comics und deren immerwachsende Wertschätzung, imaginiert und skizziert mögliche Theaterstücke, deren Personal eklektizistisch von Charlie Chaplin bis Donald Duck reicht (und die er später zum Teil wirklich schrieb), erzählt von wackeren Zechereien in Berliner Kneipen, von seiner Sehnsucht, den keimfrei-kühlen Norden zu verlassen, von seiner Lektüre dänischer Volkssagen und schwedischer Zeitungen, setzt seinen Freunden lobende Epitaphe und bricht rechtzeitig ab, weil er weiß: „Ab nummer 100 werden alle abenteuer schlecht.“ So macht er das Genre des Tagebuchs insgesamt noch einmal möglich. Es gehört zu den wenigen tröstlichen Dingen in dieser Welt, daß sie noch immer Winkel und Schlupflöcher bietet für poetische und reale Existenzen wie H. C. Artmann. (Sammlung Luchterhand 15, Luchterhand Verlag, Neuwied; 155 S., 4,80 DM)

Jörg Drews