Neu in Museen und Galerien:

Hamburg Bis zum 15. Mai, Galerie XX.: „Rudolf Schlichter“

70 Aquarelle und Zeichnungen aus den 20er Jahren in Berlin, während derer Schlichter, ein politischer und künstlerischer Aktivist, Mitglied der Novembergruppe und der kurzlebigen „Roten Gruppe“ war, die er 1924 mit George Grosz und Heartfield gegründet hatte. Die Blätter kommen offenbar unsortiert aus dem Nachlaß, ein irritierendes Durcheinander. Man sieht ein paar unglaublich gute Arbeiten, die den Vergleich mit Grosz und sogar mit Dix mühelos aushalten, veristische Straßen- und Cafehausszenen, die Nachkriegstypen, die ehemaligen Militärs und Börsianer mit ihren Mädchen sind scharf, aggressiv und prägnant gezeichnet, unerwartete, scheinbar belanglose Details werden durch Schraffuren akzentuiert – und dann weiß Schlichter im richtigen Moment aufzuhören, bevor er nämlich die Grenze zur Karikatur erreicht. Schlichters Sachlichkeit ist sehr viel wirkungsvoller, auch in ihrer kritischen Brisanz, als jede Karikatur. Dazwischen gibt es leider auch eine Menge ganz belangloser, akademisch glatter Arbeiten, die vorwiegend dann Zustandekommen, wenn er hübsche Mädchen oder jugendliche Arbeiter porträtiert. Noch dubioser sind die Blätter, zu denen ihn die Lektüre von Karl May und Cooper angeregt hat, mit ihrer tristen Indianer- und Wildwestromantik, auch in der Lustmordserie und dem Gemetzel im Salon verkauft sich Schlichter unter seinem Preis; diese Blätter sollte man besser in der Mappe lassen, wenn es darum geht, Schlichter aufzuwerten, und statt dessen Arbeiten aus seinen späten Münchner Jahren zeigen. Schlichter, der kritische Realist, endete im Surrealismus.

Köln Bis zum 30. April, Galerie Onnasch: „Edward Kienholz“

Frühe Arbeiten von Kienholz, 12 Objekte aus den Jahren 1960 bis 1964, die nachgelieferte Ouvertüre zur Düsseldorfer Kienholz-Retrospektive 1970, Randfiguren auf dem Weg zum Environment, Figuren, die ihre Geschichte erzählen, die berühmten Kienholz-Alltagstragödien aus Abfall. Seine Mixed-Media-Skulpturen sind eine grandiose Fortsetzung der amerikanischen Short Story auf der visuellen Ebene, materialisierte Literatur. Jedes dieser Objekte basiert auf irgendeiner Anekdote, die in skurrilen Rudimenten vorhanden ist, in gedrechselten Säulen, Zahnrädern, Kurbeln, Puppen, Spiegeln, die das Ambiente der Figur herstellen. Geschichten von der Schwarzen Witwe, dem Straßenköter, dem Fernsehsprecher, der so konstruiert ist, daß man ihn auf ganze oder halbe Wahrheit einstellen kann: das Repertoire reicht bis zur burlesken Farce, wenn das Puppengerangel auf der Drehscheibe die Gefahr der Überbevölkerung signalisiert. Kienholz-Objekte lassen sich allerdings, wie jede gute Story, nicht nacherzählen, sie sind mit der Anekdote, der Sentenz, der Pointe, die sie beinhalten, nicht identisch. Das mitausgestellte Concept Tableau „The Commercial No. 2“, das Kienholz in der Kölner Galerie ausgeführt und dem Galeristen Onnasch verkauft hat, ist weit unterm Niveau der anderen Objekte.

Gottfried Sello

Die wichtigsten deutschen Ausstellungen: