Warum hört man so wenig über die Berufsschulen in einer Zeit, in der jede andere Bildungsstätte harter Kritik ausgesetzt ist? Grund zur Zufriedenheit mit dieser Institution besteht wahrhaftig nicht.

In unserer kaufmännischen Berufsschule wurde uns gesagt, wir sollten mit unseren sechs Unterrichtsstunden in der Woche sehr zufrieden sein, viele, andere. Klassen hätten wöchentlich nur vier oder fünf Stunden. Das Gesetz sieht jedoch für Lehrlinge zwölf Wochenstunden in der Berufsschule, vor.

Dieses erschreckende Defizit resultiert aus dem Lehrermangel, der bei uns katastrophale Formen annimmt. Wer will auch schon Handelslehrer werden? Das Berufsbild wird so dargestellt: Wer sagt, er unterrichte Lehrlinge, wird etwa mit einem Gefängniswärter gleichgesetzt, der Kriminelle zu hüten hat. An der Berufsschule, so glaubt man, führen täglich Streifenwagen vor; und der Unterricht gleiche einer Schlacht. Wirklich unattraktiv machen den Beruf aber andere Schwächen. Der Lehrer sieht seine Klasse gewöhnlich nur einmal in der Woche; sein Unterrichtsstoff ist eintönig und kann – größtenteils – die Schüler beim besten Willen nicht interessieren. Kein Wunder also, wenn von den wenigen vorhandenen Lehrkräften ein guter Teil in einem unzumutbaren Stil unterrichtet.

Was aber macht den Unterricht so uninteressant? Über die Didaktik scheint schon seit Jahrzehnten kein Mensch mehr nachgedacht zu haben. Das einzige Lernziel, das uns gesetzt wird, ist die Lehrabschluß-Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer. Sie dient als Alibi für die unglaublichen Mengen von Einzelheiten, die uns ohne jede Systematik eingefüttert werden. Wem wird es nicht zuviel, wenn er die fünfte Art der Kreditprovision vorgekaut kriegt und in der Praxis in seinem Betrieb kaum eine kennengelernt hat? Denn trotz allen scheinbar dem Berufsleben entnommenen Feinheiten hat der Unterricht wenig mit der Wirklichkeit zu tun. Dem, der an diesen Dingen Kritik übt, wird erläutert, man lerne, um Denkschemata zu begreifen. Diese Erklärung muß beim kaufmännischen Rechnen in einer Abiturientenklasse zynisch wirken.

Seit mehr als einem Jahr stehen in unserer Schule, dreißig elektrische Rechenmaschinen (eine Investition von etwa hunderttausend Mark). Sie werden nicht benutzt, „da ja auch in der Prüfung das Maschinenrechnen nicht erlaubt ist“. Zum Fach Schriftverkehr sei der Ausspruch eines Lehrers zitiert: „Wer die DIN-Regeln für das Maschinenschreiben nicht kennt, disqualifiziert sich selbst.“

Warumlernen wir statt dessen nicht mehr Theorie, also Betriebs- und Volkswirtschaftslehre sowie Jura, und mehr sinnvolle und auch in der Zukunft noch relevante Praxis, also zum mindesten die Grundbegriffe der elektronischen Datenverarbeitung? An allen diesen Themen sollten doch auch die uns ausbildenden Firmen interessiert sein.

Da drängt sich die Erkenntnis auf: Solange die 1,4 Millionen Lehrlinge in der Bundesrepublik nicht auf die Straße gehen, um das Interesse der Öffentlichkeit zu wecken, wird sich nichts ändern.

Joachim von Falkenhausen, 19 Jahre