Von Joachim Nawrocki

Berlin, im April

Fünfzehn Monate lang zahlte die ungarische Fluggesellschaft "Malev" Miete für ein Büro in West-Berlin, das sie zwar komplett einrichten, aber nicht eröffnen durfte. Denn die westlichen Besatzungsmächte hatten Bedenken. So standen in den Hilton-Kolonnaden an der Budapester Straße Reiselustige vor einer verschlossenen Tür. Die Angestellten der benachbarten "Varig-Airlines" sahen sich schließlich genötigt, auf einem Schild am Eingang darauf hinzuweisen, auch sie wüßten nicht, warum das "Malev"-Büro geschlossen sei und wann es geöffnet werde; Nachfragen im Laden seien zwecklos. Jetzt endlich gaben die Westmächte grünes Licht: Der Senat von Berlin darf die Tätigkeit der "Malev"-Vertretung genehmigen.

Schwierigkeiten hatten kürzlich auch die Sowjets. "Die sowjetischen Vertretungen in West-Berlin" luden im Februar anläßlich des 53. Jahrestages der Roten Armee zu einem Empfang und wollten auch auf die Anwesenheit der Protokollchefs von Senat und Alliierten nicht verzichten. Aber die Westmächte untersagten einen Empfang mit derart diplomatischem Anstrich und ließen nur einen Cocktail ohne offizielle westliche Beteiligung zu. Gegen frühere Empfänge in West-Berlin, zu denen – unverfänglicher – "die Vertreter sowjetischer Organisationen", nämlich "Intourist" und "Sowexportfilm" eingeladen hatten, waren die Alliierten nie eingeschritten.

Die Westmächte reagieren immer dann allergisch, wenn die Ostblockländer sich in West-Berlin so repräsentieren, als sei die Teilstadt eine "besondere politische Einheit", oder wenn sie ihre kommerziellen Vertretungen in West-Berlin diplomatisch aufzuwerten suchen. Dabei sind sie – entsprechend dem Viermächtestatus Berlins – für sowjetische Aktivitäten direkt zuständig. Die Tätigkeiten anderer Länder werden vom Berliner Senat kontrolliert, der dabei die Weisungen der Alliierten befolgt.

Der westliche Argwohn ist oft berechtigt. Die DDR hat es in westlichen Ländern schon verstanden, aus einem Schaukasten erst ein Reisebüro, dann eine Handelsgesellschaft, schließlich eine Vertretung der Kammer für Außenhandel und beinahe noch eine Handelsmission mit Konsularrechten zu machen. Damit die Ostblockländer nicht mit ähnlichen Tricks den Status Berlins unterlaufen, hat die alliierte Kommandantur schon 1962 die Order erlassen, daß alle Unternehmen, die in West-Berlin ausländische oder ostdeutsche Interessen vertreten, der Kontrolle und Genehmigungspflicht des Senats unterliegen, wennihre Tätigkeit dazu führen kann, "das kulturelle, wirtschaftliche oder politische Leben Westberlins zu beeinträchtigen". Der Anlaß für diese alliierte Order war der Versuch der Sowjetunion, mit einer staatlichen Handelsvertretung in West-Berlin Fuß zu fassen.

Als Ende 1965 der damalige Berliner Regierende Bürgermeister Willy Brandt meinte, West-Berlin solle sich "bewußter einschalten in die Handelsbeziehungen zwischen Ost und West", setzte sich im Senat die Ansicht durch, Informationszentren und Handelsgesellschaften östlicher Länder seien eher geeignet, das wirtschaftliche Leben West-Berlins zu fördern, als es zu beeinträchtigen. Und das zunehmende Interesse an Ostblockreisen ließ den Wunsch der Balkanländer nach der Einrichtung von Reisebüros und Flugbüros verständlich erscheinen. Aber die Westmächte empfahlen dem Senat mehr Wachsamkeit; und seit Beginn der Viermächteverhandlungen reagieren die Alliierten besonders zurückhaltend.