Um die Audi/NSU-Aktien bahnt sich ein Riesenkrach an. Das Volkswagenwerk, das mehr als 80 Prozent der Audi/NSU-Aktien besitzt, hat unlängst erklärt, es wolle mit seiner Ingolstädter Tochter einen Beherrschungsvertrag abschließen. Nach dem Aktiengesetz müssen solche Verträge nicht nur die Sicherstellung einer „Ausgleichszahlung“ (meist garantierte Dividende) enthalten, sondern auch ein Abfindungsangebot, da es außenstehenden Aktionären nicht zugemutet werden soll, in einer Gesellschaft zu verbleiben, die sich der Leitung eines anderen Unternehmens unterstellt hat.

Im Fall Audi/NSU ist die Abfindung durch VW-Aktien geplant, und zwar – wie es in Wolfsburg heißt – „wesentlich unter 1:1“. Diese Erklärung hat den Höhenflug der Audi/NSU-Aktie beendet. In der vergangenen Woche sank ihr Kurs von 250 auf 205 Mark, während gleichzeitig die VW-Aktien von 200 auf 212 Mark anzogen. Daß manche Leute nach der Volkswagenwerk-Erklärung „kalte Füße“ bekamen und ihre Audi/NSU-Aktien rasch verkauften, ist verständlich. Denn eigentlich sollte sich jeder einigermaßen nüchtern denkende Aktionär sagen, daß die Audi/NSU-Aktie unmöglich so viel wert sein kann wie die VW-Aktie. Ein Umtauschverhältnis 1:1 oder gar besser müßte zwangsläufig die VW-Aktionäre auf den Plan rufen, die ihr Vermögen nicht verschleudert sehen wollen. Deshalb ist von VW-Chef Dr. Lotz im vergangenen Jahr mit voller Absicht gesagt worden, daß sein Unternehmen, das nach der Fusion Audi/NSU zunächst nur über 59,5 Prozent des Kapitals der vereinigten Gesellschaft verfügte, das Paket zu Preisen aufgestockt hat, die unter dem jeweiligen VW-Kurs lagen.

Wie das Umtauschangebot tatsächlich aussehen wird, werden wir erst Mitte April erfahren, meine verehrten Leser, denn dann tagt der Aufsichtsrat des Volkswagenwerks, und dann wird auch der Beschluß über die VW-Dividende gefaßt werden. In Börsenkreisen nannte man als Umtauschrelation 1:2,5. Das heißt für 2,5 Audi/NSU-Aktien soll es eine VW-Aktie geben. Oder in Zahlen ausgedrückt: Danach wären 2,5 Audi/NSU-Aktien 212 Mark (VW-Kurs) wert oder eine Audi/NSU-Aktie etwas mehr als 84 Mark, wobei die im VW-Kurs enthaltene Dividende noch nicht einmal berücksichtigt ist. Geht man von einer VW-Dividende von 20 Mark aus, und unterstellt man, daß die Audi/NSU-Aktionäre für 1970 möglicherweise leer ausgehen werden, so käme man auf einen Audi/NSU-Wert von nur gut 77 Mark.

Es scheint mir ziemlich sicher zu sein, daß die Relation 1:2,5 – selbst, wenn sie rechnerisch richtig sein sollte – weltfremd oder besser „börsenfremd“ wäre. In Börsenkreisen geht man denn auch von einem Umtauschverhältnis von 10:8 aus, das realistischer sein dürfte. Danach hätte die Audi/NSU-Aktie einen Wert von etwa 168 Mark. Aber auch er liegt noch um mehr als 30 Mark unter dem gegenwärtigen Börsenkurs.

Woran liegt das? Größter Einzelaktionär mit einem Paket von rund 10 Prozent ist die Israel British Bank, deren Rechtsvertreter in der Bundesrepublik, Dr. Luis Erdl, auf Seite 38 einige Fragen zu unserem heutigen Thema beantwortet. Die Bank ist seit Jahren engagierter Minderheitsaktionär, noch aus der Zeit, als NSU selbständig war.

Als nun die Diskussion über die Konditionen eines möglichen Umtauschangebotes zu Verwirrungen und zu einem Kurssturz der Audi/NSU-Aktien führte, erklärten „der Israel British Bank nahestehende Kreise“, das Institut werde wahrscheinlich im April ein Übernahmeangebot für Aktien der Audi/NSU AG über 350 Mark unterbreiten. Die Bank sei auch bereit, zu diesem oder zu einem höheren Preis Aktien vom Volkswagenwerk zu übernehmen, wenn es dadurch zu einer Schachtelbeteiligung kommen würde. Dieses Gerücht, und mehr ist es vorläufig nicht, bremste den Sturz der Audi/NSU-Aktien. Angeblich soll die Bank selbst mit Käufen eingegriffen haben, um eine um sich greifende Verkaufswelle im Keime zu ersticken.

Ich glaube, meine verehrten Leser, daß man sich fragen sollte, welches Interesse denn die Wolfsburger daran haben sollten, ihrem schärfsten Widersacher bei Audi/NSU zu einer Sperrminorität zu verhelfen? Aber wenn die Sperrminorität nicht mehr erreichbar ist, warum will die Bank dann ihr Paket weiter aufstocken? Und warum so teuer, wenn sie es über die Börse weitaus billiger könnte? Hier bestehen Ungereimtheiten, über die es sich nachzudenken lohnt. Mir scheint, hier soll auf einem billigen Weg der Kurs der Aktien manipuliert werden.