Von Ingeborg Zaunitzer-Haase

Jakob Weckauf, Finanzdetektiv in Diensten der Kölner Staatsanwaltschaft – Abteilung Wirtschaftsstrafsachen – brachte ein seltenes Kunststück fertig: Der Bilanz-und Buchhaltungs-Experte verfolgte den Weg eines Hunderttausend-Mark-Schecks, der innerhalb von 24 Stunden bei 18 Schein-Tochtergesellschaften eines Wirtschafts-Großbetrügers kreuz und quer als Ein- und Ausgang verbucht wurde. Resultat: In drei Hauptbüchern stand am Abend jenes Tages eine Einnahme von je hunderttausend Mark – durch diesen einen Scheck,

Die Wirtschaftskriminalität gehört zu den übelsten Verbrechen, weil sie den größten materiellen Schaden verursacht und am schwierigsten, zu durchschauen ist. Ein Experte drückte es so aus: „Beim Bankeinbruch weiß man, daß etwas fehlt. Bei Mord liegt irgendwo eine Leiche. Aber bei Wirtschaftsdelikten fehlt nichts, und eine Leiche ist auch nicht da.“

Bevorzugte Wirkungsfelder der meist überdurchschnittlich intelligenten, gerissenen und gewissenlosen Wirtschaftskriminellen sind die vielfältigen Wirtschaftsgesetze, in denen sich der Normalverbraucher nicht auskennt: die Konkurs- und Vergleichsordnung, das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb, das Aktien-, das GmbH-Recht, das Genossenschaftsgesetz, das Bank-, Depot-, Börsen- und Kreditwesengesetz, das Versicherungsaufsichtsrecht, das Steuer- und Zollrecht, das außer- und innerdeutsche Handelsrecht, das Devisenrecht, das Bilanzrecht.

Wirtschaftsstraftäter manipulieren mit Paragraphen, mit Investitionshilfen, staatlichen Zuschüssen und Subventionen. Natürlich sind sie Betrüger, Hehler, Wucherer, Unterschlager. Aber da sie meist wirtschaftlich erheblich versierter als ihre Richter sind, fällt es oft schwer, ihre Spuren zu verfolgen. Damit besteht die Gefahr, daß sie weniger hart bestraft werden als nötig und daß die Ermittlungen sich länger hinziehen als zulässig.

So stellte kürzlich die 14. Strafkammer des Frankfurter Landgerichts ein Wirtschaftsstrafverfahren ein, weil seit der ersten Vernehmung fast zwölf Jahre vergangen waren. Der Verteidiger der Angeklagten hatte sich auf Artikel 6 der „Konvention zum Schutz der Menschenrechte und der Grundfreiheiten“ bezogen, in der es heißt: „Jedermann hat einen Anspruch darauf, daß seine Sache innerhalb einer angemessenen Frist von einem Gericht gehört wird, das über die Stichhaltigkeit der gegen ihn erhobenen strafrechtlichen Anklage zu entscheiden hat.“

Auf diese Weise blieb ein kompliziertes Wirtschaftsvergehen ungesühnt, in dessen Verlauf zwei Angestellte einer bundeseigenen Baubetreuungsgesellschaft die Veruntreuung von Hunderttausenden von Mark vorgeworfen worden war.