ARD, Donnerstag, 25. März: „Diese Geschichte von Ihnen“, von John Hopkins

Erster Akt: Ein Mann kommt betrunken nach Hause und beschimpft seine Frau: „Siehst aus wie’n Zelt, wie ’ne Heizdecke sieht dein Morgenmantel aus.“ Das Spiel heißt I am the greatest, der Mann mimt Stärke; aber je länger er trinkt und pöbelt und schlägt, desto deutlicher wird es, daß hier ein Versager bramarbasiert: zwanzig Jahre im Dienst und immer noch Sergeant, ein kleiner Sohn im Schatten eines größeren Vaters, sexuell frustriert, gezeichnet von Ausschweifungen im Bezirk der Gedanken. An diesem Abend hat er ernst gemacht, der Mann hat dem Destruktionstrieb freie Bahn gelassen und getan, wovon er sonst nur träumte: einen Verdächtigen zu Tode geprügelt.

Zweiter Akt: Und dabei Lust verspürt! Sich identifiziert mit dem vermeintlichen Täter, dem Schänder kleiner Mädchen, in einer Prügelorgie das (angebliche) Überwältigen, in einem Aggressionsexzeß das (vermutete) Eindringen nachspielend: Was im nächtlichen Gespräch zwischen Mann und Frau anklang, gewinnt im Verhör des Sergeanten durch den Chefinspektor an Plastizität. Das Ödipus-Muster (oder, ins Komische gewendet, das Dorfrichter-Adam-Schema) erweist sich als nützlich: Der Detektiv steht als Täter, der Richter als Angeklagter, der Arzt als Kranker da... ein Patient, der von sich selbst, seinen eigenen Wünschen und Lüsten, spricht, wenn er den anderen beschreibt, der sie packt und bespringt, seinen Stellvertreter, den er haßt und beneidet.

Dritter Akt: Ödipus am Dreiweg, Ödipus im Bett seiner Mutter. Inquisition und Mord werden nachgeholt, an die Stelle von Vermutung (Akt 1) und begründetem Verdacht (Akt 2) tritt Evidenz. Die dreifache Exploration hat zum Ziel geführt, die Anamnese ist lückenlos. (Zu lückenlos: Vom starken Vater bis zum Anschauen des elterlichen Verkehrs präsentiert sich der gesamte Topenschatz Freuds.)

Ein Stück, am Reißbrett konstruiert, sehr simpel scheinbar (der Protagonist wird in jedem Akt mit einem anderen Gegenspieler konfrontiert: A’s Auseinandersetzungen mit B, C und D bringen schrittweise die Wahrheit ans Licht), in Wirklichkeit höchst raffiniert: Enthüllend wirkt, was dem Verstecken dienen soll, das Sichverteidigen hat den Charakter des Sichbezichtigens. Mitten im Gespräch, umrahmt von Beiläufigkeiten, zeigen sich die Dinge plötzlich, wie sie sind, treten Unbewußtes und Vorbewußtes zutage, verstummt das Ich, reden nur noch das Über-Ich und das Es, wird solches Darüber-hinweg-Sprechen durch exzessive Monologe verdeutlicht, Beschwörungen des Todes und Collagen von Realitätselementen, deren Artikulation das Seelenschlachtfeld des Redenden zeigt – zuerst, während er spricht, und dann, während er wieder Anschluß an das Gespräch zu gewinnen sucht, das indessen auf der Bewußtseinsebene weitergegangen ist.

Das Stück hat den Titel „Diese Geschichte von Ihnen“, es stammt von John Hopkins, wurde 1969 in einer Stuttgarter Palitzsch-Inszenierung vorgestellt, und Peter Palitzsch war es auch, der diese ödipus-Version (in doppeltem Sinn: dem analytischen Duktus und der Struktur nach) für den Bildschirm adaptierte.

Ein intelligentes Denkspiel wurde (von einigen grellen Naturalismen abgesehen: Der Totschlag als Liebesakt bedarf nicht der Verdeutlichung durch die Klangmalerei weiblicher Brunst) mit jener Präzision und Plastizität wiedergegeben, die den klassischen Fallstudien der Psychoanalyse den Charakter von Kunstwerken gibt.

Komplimente für Hopkins und Palitzsch – verbunden mit dem Wunsch, das Problem „Literatur und Psychoanalyse“ möge, mit all seinen Aspekten, hierzulande künftig ein wenig energischer angepackt werden, als es bisher geschah. Momos