Von Ernst Fraenkel

Egmont Zechlin: „Die deutsche Politik und die Juden im Ersten Weltkrieg“; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1969; 592 Seiten, 36,– DM.

Egmont Zechlins Buch ist weder eine Abhandlung über die Rolle, welche die „Deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens“ 1914 bis 1918 in der deutschen Kriegspolitik gespielt haben, noch eine Studie über die Behandlung, die den nicht-deutschen Juden in den von Deutschland besetzten Gebieten Osteuropas von militärischen und zivilen Instanzen zuteil geworden ist. Es enthält vielmehr eine historisch fundierte politologische Untersuchung der deutschen Anstrengung, sich der Judenfrage als eines Mittels zu bedienen, um den Kriegsausgang günstig für Deutschland zu beeinflussen.

Wenn Zechlin von der deutschen Politik und den Juden spricht, bezieht sich die Redewendung „Die deutsche Politik“ gewiß nicht ausschließlich, aber doch vornehmlich auf die deutsche Außenpolitik, und das Wort „Juden“ steht in erster Linie nicht für Judentum als Religionsgemeinschaft, sondern für die „Judenschaft“. Dieser Ausdruck findet sich bereits im Baseler Programm des Zionistenkongresses von 1897 und meint die Angehörigen solcher jüdischen Gemeinschaften, die zum mindesten subjektiv die Merkmale einer nationalen Minorität erfüllen.

Es ist nicht das geringste Verdienst Zechlins, mit großem moralischem Mut und bemerkenswertem Takt einen Fragenkomplex angepackt zu haben, der vor 1945 überwiegend verfälscht worden und nach 1945 weitgehend unbearbeitet geblieben ist. Die Schwierigkeiten liegen nicht zuletzt im Sprachlichen. Dürfte es doch schwerlich eine Materie geben, für deren wissenschaftliche Bearbeitung es sich derart verhängnisvoll ausgewirkt hat, daß die Nationalsozialisten die deutsche Sprache bastardisiert haben. Bereits die Verwendung der Wörter „Judenschaft“, „Judenheit“, „Judenfrage“, „Ostjuden“ und „Weltjudentum“ vermögen auch heute noch allzu leicht einen Autor in ein schiefes Licht zu bringen. Wer sich jedoch scheut, diese und ähnliche, an sich keineswegs affektbetonten Worte auszusprechen, weil sie von den Nazis schmählich und schändlich mißbraucht worden sind, trägt ungewollt dazu bei, daß die Analysen dieser Begriffe wissenschaftlich vernachlässigt und Ereignisse aus dem Bewußtsein verdrängt werden, die innerlich nur dann bewältigt werden können, wenn über sie mit schonungsloser Offenheit geredet wird.

Obwohl selber Politologe, rechne ich es dem Historiker Zechlin hoch an, daß er nicht dem Defätismus erlegen ist, wie er bei den Historikern heute so weit verbreitet ist, die sich gegenüber den Sozialwissenschaften nicht mehr behaupten zu können meinen. Zechlin hat das einmalige Phänomen „Judenschaft“ nicht in ein Begriffsschema eingezwängt. Wer dieses singuläre und komplexe Phänomen „Judenschaft“ (oder wie immer man es nennen mag), wie es zur Zeit des Ersten Weltkrieges bestand, in den Denckategorien darstellen wollte, mittels derer die moderne Soziologie und Politologie die „Gestalten“ Nation und Nationalität zu erklären versucht, stößt auf eine doppelte Schwierigkeit: In den einzelnen Staaten West-, Zwischen- und Osteuropas bedeutete Zugehörigkeit zum Judentum objektiv etwas Grundverschiedenes, sie wurde von den Anhängern der als „jüdisch“ bezeichneten Gruppen auch nicht einheitlich bewertet. Begnügte man sich aber mit der Annahme, der Status eines Juden sei mit der Zugehörigkeit zur mosaischen Religionsgemeinschaft zutreffend und ausreichend gekennzeichnet, so stempelt man den assimilierten Juden zum Normaltypus, versperrt sich den Weg zum Verständnis des Ostjudentums und ignoriert die Bedeutung des Zionismus.

In dem Buch wird die deutsche Judenpolitik von damals weder chronologisch historisch dargestellt noch systematisch politologisch analysiert. Beide Methoden waren offenkundig ungeeignet, der schwierigen Materie Herr zu werden, weil diese Politik nicht auf einer einheitlichen Konzeption beruhte. Sie bestand vielmehr aus einer Kette pragmatischer Entscheidungen, die sich aus der jeweiligen Kriegslage ergaben und weitgehend von den Beziehungen des Kaiserreichs zu den Verbündeten und den neutralen Mächten abhingen. Aber auch die Schwankungen in der Kriegszielpolitik gegenüber den feindlichen Staaten und den antagonistischen Nationalitäten in den besetzten Ostgebieten lassen sich in der Judenfrage nachweisen.