Die Städte sehen ihre Zukunft in der Kultur. Sie rivalisieren nicht mehr um die größten Industriebetriebe, die breitesten Straßen und die glänzendste Neon-City; die neuen Schlagworte für das, was sie jetzt wollen, heißen "stärkere Anziehungskraft", "größerer Freizeitwert", "mehr Urbanität". Früher waren die Status-Symbole einer deutschen Stadt: das Stadttheater, die Oberrealschule und ein Infanterie-Bataillon. Wenn eine Stadt den Stolz vor sich selber nicht verlieren will, muß sie heute ein Fußballstadion und eine Schwimmoper haben, einen Stadtpark und möglichst noch eine Universität.

Warum so viele Städte so begierig sind, eine der dreißig geplanten neuen Hochschulen in ihre Mauern zu ziehen, weiß eigentlich nur der Himmel, sofern alle Konsequenzen bedacht sind. Es gibt Kommunen, die sogar demonstrierende Studenten mit offenen Armen aufnehmen würden, wenn sie damit beweisen könnten, daß sie nicht so langweilig sind wie ihr Ruf. Denn auf dem Weg in die Freizeitgesellschaft muß etwas geböten werden, es soll "was los", es soll "Leben in der Stadt" sein.

Bei diesem im weitesten Sinne kulturellen Wettbewerb um Freizeit- und Bildungswerte gibt es von der Natur begünstigte und vom Schicksal geschlagene Kommunen. In die zweite Kategorie würde eine Stadt wie Osnabrück fallen: Sie liegt verkehrsgünstig, so daß man gut hinkommt, aber auch schnell wieder weg ist. Nichts ist los. Deshalb will Osnabrück jetzt auch eine Universität haben. Ein Beispiel für die erste Kategorie ist das von der Natur und der Historie so reich bedachte München.

Die Lehrbeispiele liegen zwischen den Extremen. Zum Beispiel Nürnberg: Der ungeheure Aufwand, den die Stadt mit ihrem Dürer-Festival treibt, fördert ihren" Freizeitwert und reinigt sie von dem Makel, die ehemalige Reichsparteitagsstadt gewesen zu sein. Was dabei Kultur ist und was von den Dürer-Aktivitäten unter Public-Relations und Fremdenverkehr fällt, sei dahingestellt. Oder Kassel: Mit der documenta wird die Stadt alle vier Jahre einmal zu einem internationalen Anziehungspunkt, der zum Ruhm der Stadt beiträgt. Oder Bad Hersfeld: Vernünftige Leute machten dort den Vorschlag, die Festspiele vor Abnutzung zu bewahren und nur noch alle zwei Jahre stattfinden zu lassen. Die Stadtväter winkten entsetzt ab. Wie sollten sie auch freiwillig darauf verzichten, mit ihren Pfunden zu wuchern, während sich die Kulturdezernenten anderer Kommunen verzweifelt fragen: Mit was mache ich ein Festival?

Von der Qualität der städtischen Kulturbeamten also, der Beigeordneten oder Dezernenten, hängt tatsächlich entscheidend ab, wie erfolgreich eine Stadt in diesem mit Macht ausgebrochenen Wettbewerb ist. Wir beginnen deshalb in dieser Nummer mit einer Serie, in der die Kulturdezernenten der Städte Köln, Wuppertal, München, Soest und Frankfurt samt ihren Konzepten vorgestellt werden.

Nicht ohne Grund beginnt die Folge von Gisela Brackert mit Köln und seinem Kulturdezernenten Kurt Hackenberg. Früher als in anderen Kommunen ist dort erkannt worden, daß die Stadt durch die Reaktivierung ihrer kulturellen Qualität Profil behält und dazu gewinnt. Kulturelle Gewaltkuren hat Köln nicht nötig, denn es ist eine uralte Kulturlandschaft. Für ihre kontinuierliche Pflege sorgten von jeher aufgeschlossene Ratsherren, die sich gar nicht unbedingt durch einen großen Bildungshorizont auszeichneten, sondern vielmehr durch einen naiven und direkten Zugang zu dem, was jetzt allerorten als die "höheren Werte" beschworen wird.

Nina Grunenberg