Die englischen Ford-Arbeiter haben bereits den Streikrekord der Postarbeiter gebrochen. Seit neun Wochen sitzen sie zu Hause oder bekräftigen auf Durchhalteversammlungen ihren Willen, Lohnerhöhungen bis zu 15 Pfund Sterling pro Woche durchzusetzen; das sind über 130 Mark. Der Produktionsausfall an Fahrzeugen ist bereits sechsstellig, bald werden die Verluste der Firma nur noch in einer zehnteiligen (Mark-) Summe auszudrücken sein. Fünfzehn Gewerkschaften sind in den Disput verwickelt, und allein aus der Kasse der Transportarbeiter sind bisher nicht weniger als zehn Millionen Mark an Streikunterstützung gezahlt worden. Aber da weder die Versorgung der Öffentlichkeit noch das unmittelbare Wohlergehen der Konsumenten betroffen ist, regt dieser Streik die Briten weniger auf als zum Beispiel der der Briefträger.

Um so mehr bekümmert er aber Leute wie den Finanzminister, der an die fehlenden Exporte denkt, oder wie den Premierminister, der fürchten muß, daß seine Lohnpolitik – keine Erhöhung über zehn Prozent – nach einigen Erfolgen im staatlichen Bereich nun im Privatsektor scheitert. Die britischen Chrysler-Werke haben mit einer Lohnerhöhung von 19 Prozent für ihre Beschäftigten das Signal für die Ford-Arbeiter gegeben. Was gut ist für Chrysler, soll auch gut sein für Ford – so schlecht auch beides für England sein mag.

Daß der Konzernchef selber über den Atlantik anreiste, hatte nicht nur den Zweck, der britischen Regierung und dem Ford-Management den Rücken zu stärken und Vorkehrungen für ein Verlagern der Produktion nach Köln oder Saarlouis zu treffen. Das jedenfalls behauptete der amerikanische Autogewerkschaftier Woodcock, der hinter Henry Ford II. herzog, um den Schaden zu reparieren, den er entstehen sah. Nicht um das britische, sondern um das amerikanische Lohngefüge sei es dem Motorboß aus Detroit gegangen. Wenn dieser den Ford-Arbeitern im Ausland weniger zahle, werde er diese Praxis bald auch daheim in den USA einführen. Internationale Solidarität sei vonnöten.

Sie wurde auf einer Versammlung von Autogewerkschaftlern mehrerer Länder in London beschlossen und dem Ford-Konzern angekündigt. Die Streikenden in Dagenham und Haiewood lasen kurz hintereinander in der Zeitung, daß ihre auswärtigen Kollegen ihnen mit Geld helfen wollen und daß die eigene Regierung per Gesetz den Streikenden die staatliche Familienbeihilfe streichen will, die alle Unbeschäftigten erhalten. Das wird zwar erst vom September an der Fall sein. Aber, so erklärte einer der Streikenden, die Fließbänder bei Ford könnten bis Weihnachten stillstehen, wenn die andere Seite nicht nachgebe.

K.-H. W.