Weisweiler

Unsere Partei hat Rost angesetzt“, erkannte klagend ein DKP-Genosse kürzlich auf einem Schulungsseminar im badischen Weisweiler: So jung, und schon so rostig, muß man fragen, denn die neu gegründete KP der Bundesrepublik ist noch keine zwei Jahre alt. Indes, die altneue Marxistenpartei hat Zulauf bekommen: Zwischen Januar und Februar 1971 stieg ihre Zahl von 30 000 Mitgliedern auf 33 378 Mitglieder. Das Gros der junggenossen ist unter dreißig Jahre alt, während die Vorstandsspitze den Greisenjahren entgegengeht: DKP-Vorstand Kurt Bachmann ist sechzig, Agrarexperte und früheres NSDAP-Mitglied Richard Scheringer gar siebzig.

Wie hält’s die altneue Kaderpartei mit Stalin? Auf einem Bücherbord des Karlsruher DKP-Büros prangt ein Stalin-Bildnis: Stalin ist für die Altkommunisten immer noch Über-Ich und charismatische Vaterfigur. In den Schulungsseminaren ist Stalin zitatwürdige Autorität. Auf Stalin berufen sich die fossilhaften Führer der Partei, wenn sie die Junggenossen überzeugen wollen. Selbst Spanienkämpfer und Altkommunist Max Schäfer, Herausgeber der Marxistischen Blätter in Frankfurt, besann sich in einer Diskussion des Karlsruher „forum 67“ auf Stalin. Ihm warf er lediglich Verletzung der Parteistatuten vor (Nichteinberufung des Parteitages der KPdSU zwischen 1933 und 1952) sowie etwas Eitelkeit. Das war alles, was Brigadier Max Schäfer dem Genossen Stalin vorzuwerfen hatte. Seine Bluthekatomben, sein Terror gegen überzeugte Marxisten-Leninisten, sein paranoider Verfolgungswahn, das alles rührt ihn nicht. Und die Junggenossen der DKP? Für sie ist Stalin, was Hitler für die jungen NPD-Kämpfer ist: seine Verbrechen werden geleugnet, relativiert, bagatellisiert oder rationalisiert, meist jedoch mechanisch ins Unterbewußtsein verdrängt. Als ein Junggenosse in Weisweiler wißbegierig fragte, ob die Debakel vom 17. Juni 1953 in Ostberlin, in Posen 1956, in Budapest 1956, in Prag 1968, in Polen 1970 „eine Gesetzmäßigkeit“ seien und ob die jeweils verspätete Reaktion der kommunistischen Parteien „historisch notwendig waren“, erhielt er zur Antwort nur ein karges und verlegenes „Nein“.

Am 25. November wird der 2. Parteitag der DKP in Düsseldorf zusammentreten. Unterdessen setzt die Partei zum Angriff auf Stadtparlamente, Landtage, Stadträte und so weiter an. In Mannheim ist die DKP mit zwei Genossen im Stadtrat vertreten, ebenso in Bottrop. Auch in Rheinland-Pfalz hat sie Erfolge erkämpft: Von Mannheim aus attackiert sie die Mißstände des Landes (Defizit im Stadthaushalt, Fahrpreiserhöhungen, Umweltverschmutzung durch die BASF in Ludwigshafen). Dabei gerät sie mit den Jusos auf ein Kampffeld, vermag aber nicht die oft bedeutenden Erfolge der Jusos einzuholen oder gar zu übertreffen. Zu gemeinsamen Aktionen zwischen DKP und Jusos kam es bisher nur in Schleswig-Holstein, Hessen-Süd, München, Südbayern („swimm in“ am Seeufer des Barons August von Finck). Der Antikommunismus-Beschluß der SPD in München, der die gemeinsame Aktion von Sozialdemokraten und Kommunisten ausschließt, macht der DKP schwer zu schaffen.

„Wir können von den Studenten viel lernen“, erklärte der Seminarleiter der DKP im badischen Weisweiler. Aber den 68er-Mai in Paris nannte er geschichtsklitternd den „Arbeiter-Mai“: Nicht die revolutionären Studenten von Paris, sondern die Arbeiter von Renault werden zur treibenden Kraft der Mini-Revolution in Frankreich erklärt.

Was lesen die 33 378 DKP-Mitglieder? Seit Gründung der DKP erscheint in Nordrhein-Westfalen die Sozialistische Volkszeitung UZ (Unsere Zeit), die in Baden bereits illegal vor der Parteineugründung erschien und als verfassungswidrig verboten wurde. In einem Teil Karlsruhes, in der Gruppe „Innen-West“ lesen von 22 Genossen nur sechs das Parteiorgan im Abonnement. Eine repräsentative „Hochrechnung“. Regelmäßig lesen wahrscheinlich nur 10 000 Genossen das Parteiblatt aus Düsseldorf, das auf 24 Seiten zu 50 Pfennig die Dogmen der Dogmatiker verbreitet. In ein Dilemma kam das Blatt, als es die „Black Panther“ in den USA und Angela Davis als „aufrechte Demokratin“ feiern und freisprechen wollte. Doch so emsig die Propagandawalze auch lief: Viele Genossen kennen den Namen Angela Davis gar nicht, geschweige denn den Prozeß gegen sie. Spricht man die Junggenossen auf UZ-Artikel an, so stößt man immer wieder auf Unkenntnis, Nichtwissen, Desinteresse.

„Um an die Arbeiter heranzukommen“, inszeniert die DKP „Großverkauf-Aktionen“ der UZ: So verkaufte sie am 26. März 1970 „wuchtige“ 230 Exemplare vor den Werktoren von Siemens in Karlsruhe. Vor der IWKA in Karlsruhe verkauften sechs Genossen in zweieinhalb Stunden 94 Stück: Stolz meldeten die Genossen die Soll-Erfüllung an die Schaltzentrale in Mannheim. Oft bleibt der Erfolg auch aus: In vielen Fällen standen Genossen bei Regen, Schnee und Hitze wie die Christensekte „Zeugen Jehovas“ am Straßenrand oder Fabriktor, ohne eine einzige Nummer des Parteiblattes an den Mann zu bringen. Gelingt es den Genossen, unter unrationellem Aufwand, auch nur zwanzig Stück zu verkaufen, so meldet die UZ stolz ihre Niederlage als Erfolg.

Das äußere Bild der Junggenossen würde manchen SED-Genossen schockieren: lange Haare, lange Bärte, Levis Feincordhosen, psychedelische Hemden schmücken den Parteinachwuchs; sie beugen sich längst dem modischen „Konsumterror“. Revolutionärer Schwung, revolutionäres Feuer, mitreißende Volkstribunen kennt die DKP nicht: Der Dogmatismus der früheren Antiautoritären steht dem im Weg. Die Jusos haben ihnen bei den linken Gruppen fast überall die Schau gestohlen. Ob in München, Frankfurt oder Kiel, das „Wettrennen“ zwischen DKP und den Jusos ist wie das Wettrennen zwischen Hase und Igel: die Igelfamilie der Jusos war schon überall da. Waldemar Bosset