Köln

Der Zeitpunkt seiner unverhofften und deswegen auch für ihn so schmerzlichen Niederlage ist schlimmer als das ganze Debakel an sich, kommentieren besorgte Freunde die Abwahl ihres John van Nes Ziegler. Ahnungslos wurde der mit allen kölnischen Wassern gewaschene SPD-Boß in der Domstadt von einer knappen Mehrheit seiner Partei gestürzt. Und als die Nachricht am Wochenende in den Bierlokalen eintraf, faßten sich Altgenossen an die Stirn: „Hier spinnt einer“

In der Tat sind feine Fäden gesponnen worden – ob erst in letzter Minute, ist sehr fraglich. Denn der plötzliche Gegenkandidat im zweiten Wahlgang, Dr. Hubert Weber, sah keineswegs aus wie ein plötzlich aus dem Zylinder hergezaubertes Kaninchen. Weder den Linken noch den Rechten zugeordnet, stellte er sich hart und unerbittlich, nachdem beim ersten Wahlgang van Nes Ziegler als alleiniger Kandidat für das Amt des Kölner Unterbezirksvorsitzenden durchgefallen war.

Hans Jürgen Wischnewski, einst starker SPD-Mann in Köln, weil Heinz Kühn immer seiner Ehefrau Marianne die Kommunalpolitik überließ, wollte im Rahmen einer Parteitags-Unterbrechung die noch nie dagewesene Situation ausbügeln, aber er scheiterte. Im allgemeinen, von einer starken Minderheit zumindest verkalkulierten und programmierten Durcheinander bewahrten die taktisch versierten Jusos kühles Blut. Gleich sechs Gegenkandidaten wurden nominiert, fünf sagten nein. Der eine aber, eben Hubert Weber, zeigte sofort Flagge. Der herbeigesehnte Zweikampf auf offener Bühne endete mit dem offenen Eklat: 129 Stimmen für van Nes Ziegler, 146 aber für Weber. Der kantige, siegesgewohnte Lokalmatador verschreckt und verbissen: „Es war eine demokratische Wahl.“ Und nach einer Piuse: „Ich hoffe nicht, daß es in Köln zu Münchner Verhältnissen kommen wird!“

Anspielungen auf Vorgänge um den Münchner Oberbürgermeister Vogel sind nicht völlig aus der Luft gegriffen, denn die Jusos in Köln sind unverkennbar auf dem langen Marsch zur Macht. Nicht nur, daß einer der alten Vize auch gefeuert wurde – das gesamte Beisitzerkollegium sieht sich in bemerkenswert neuer Runde: Von elf Mitgliedern sind auf einmal sieben Jungsozialisten. Ihnen allerdings hatte van Nes Ziegler allzuoft Anlaß zur Kritik gegeben. In puncto Ämterhäufung und Arbeitsüberlastung ist er ein geradezu klassischer Fall: Er rührt in allen Töpfen und dampft durch alle Gassen. Seine Macht hat mancher in Stadt und Land zu spüren bekommen, denn so sieht sie aus: Stadtverordneter und Vorsitzender der SPD-Rathausfraktion, Oberbürgermeisterkandidat, Mitglied des Kuratoriums der Universität, Beisitzer im Sparkassenrat, Mitglied des Bezirksvorstandes der SPD, Beisitzer im SPD-Landesausschuß, Abgeordneter, Vizepräsident und stellvertretender Fraktionschef im Düsseldorfer Landtag, Vorsitzender des Justizausschusses und Meisterkandidat. Der Zeitpunkt seiner Abwahl als Kölner Parteivorsitzender trifft denn auch ausgerechnet mit Überlegungen führender Sozialdemokraten zusammen, van Nes Ziegler in der Domstadt festzunageln. Er soll die Nachfolge von Oberbürgermeister Theo Burauen antreten, der sich in absehbarer Zeit auf sein Altenteil zurückzuziehen gedenkt.

Die jüngste Imageschädigung durch die eigene Partei kann letztlich der SPD recht teuer zu stehen kommen: Burauen und van Nes Ziegler sind mit Abstand die bekanntesten und auch anerkanntesten Kölner Kommunalpolitiker. Daß die Adenauer-Sippe trotz allen leidenschaftlichen Einsatzes unter gelegentlicher Zuhilfenahme der Domglocken seit 1956 in Köln nicht mehr regieren konnte, ist das Werk dieser beiden Alt-Kölner. Dabei übernahm Burauen bis zum heutigen Tag die Rolle des allseits geliebten Stadtvaters nach draußen – im Gehrock bei jeder Fronleichnamsprozession, unter der Narrenkappe in allen Karnevalsnächten –, während Nes Ziegler die eigentliche Macht nach innen ausübt und die unpopulären Maßnahmen durchpeitscht, oft auch gegen die eigenen Freunde.

Van Nes Ziegler hat so viel Freunde wie Feinde. Seine Rechtsanwaltspraxis machte ihn vermögend, seine zahlreichen Ämter und Erfolge mächtig, sein Sommersitz in Spanien für die Jusos verdächtig. Von 1966 bis 1970 war er dem Protokoll nach schon der erste Mann im Lande, Landtagspräsident nämlich und hätte der Regierungschef Kühn in dieser Zeit aufgeben müssen, dann wäre van Nes Ziegler wahrscheinlich auch noch Ministerpräsident geworden. Dies alles ist sicher nicht vom Wind der stürmischen Kölner Parteitagssitzung verweht, wohl aber sind jetzt die Startlöcher zugestaubt.

Horst-Werner Hartelt