Von Eugen Oker

Einen See In Tirol? Gibt es nicht, sagten spontan und einmütig Bekannte und Freunde. In Tirol, da gibt’s nur den Inn. Und, ach ja, den Achensee!

Aber das Reisebüro schickte einen ausführlichen Spezialprospekt: Tiroler Seen. Stücker dreißig schöne Grüße aus der letzten Eiszeit. Tiroler Seenplatte sozusagen.

Das Prachtstück, besagter Achensee, in dem sich Rofan und Karwendel spiegeln, liegt mittendrin; er ist ein König unter seinesgleichen, in Tirol der Kaiser der stehenden Gewässer, einst nur auf unguten Wegen zu erreichen oder aber über eine ungemein liebenswürdige Puff-Puff-Zahnradbahn von Jenbach bis Seespitz. Die fährt heute noch, ein emsiges Bähnchen, das für seinen einen Wagen den Personalaufwand von Lokomotivführer, Heizer und Schaffner treibt; und es ist nach wie vor die liebenswerteste Anreise zum Achensee. Oder mit dem Auto: die breite Straße verlassen, über die beinahe. schon abenteuerliche alte Uferstraße fahren und auf denn steilen Fahrweg von Maurach nach Jenbach (25 Prozent), runter oder rauf, noch besser beides.

Wer es kann, sollte in Pertisau auch eine Runde Golf spielen. Das ist Golf im Urzustand; die Greens sind mit Ketten geschützt vor den Kühen, die den buckligen Fairway kurz halten, weshalb auch „Kuhdung und Ketten nicht als Hindernis“ gelten. Das Plätzchen befindet sich nicht nur im Würgegriff des auswuchernden Ortes, es sind auch alle Flaggstangen abgebrochen, kümmerlich geflickt, wieder abgebrochen – von Wanderern, die die unangemachte Natur lockt und der Karwendellift.

Ob groß oder klein, ein See muß zum Baden taugen und zum Kahnfahren, zum Segeln, Promenieren und Campieren, Angeln, Drumherumwandern. Und wenn er chic sein will, auch zum Wasserskifahren. Mehr oder weniger erfüllen alle Tiroler Seen diese Bedingungen, das eine oder andere muß vielleicht ausfallen wegen Lage, Größe, Tiefe. Warm aber, sagen die Tiroler, warm seien ihre Seen unbedingt, 20 bis 24 Grad mindestens; das verwundert ein bißchen bei der hohen Einfassung, durch umstehende Berge, die der Sonne nur ein paar Stunden täglich Gelegenheit geben, das Seewasser aufzuheizen.

Dies Land hat Seen für jeden Geschmack, für jedes Temperament und für jede Gefühlslage. Eine kleine Auswahl bietet unweit vom Achensee die Landschaft um das romantische Rattenberg, Da ist gleich oberhalb von Brixlegg das hübsche Reith mit einem Wasserrundling von 30 Metern Tiefe, so tief, daß man ihn sogar ganz verkehrsmäßig beschildert hat. Andere liegen um Kramsach herum. Der Krummsee wird von einem angenehmen Hotel gleichen Namens gehegt; man erfährt, daß sich diese Idylle nicht einfach so von Natur aus offeriert: Alle paar Jahre ist für das Bad ein Bad nebst neuem Kiesgrund fällig, und da arbeitet die Feuerwehr etliche Wochen aus vollen Pumpen. Drum ist der Krummsee eingezäunt.