Soll man weinen? Soll man lachen? Man kann so schnell nicht unterscheiden, ob Dummheit oder Bosheit am Werke ist. Vielleicht ist’s Wahnsinn, jener von der nationalistischen Sorte, den man in Belgien „linguistisch“ nennt. Vielleicht ist’s aber der allerneueste Streich Eulenspiegels. In diesem Falle müßte man ihn Ulenspeegel nennen; denn so heißt ja die niederländische Variante des zwielichtigen Narren von Mölln, dem in Deutschland ein altes Volksbuch, in Belgien aber ein in französischer Sprache geschriebener, jedoch, von flämischem Kampfgeist erfüllter Roman (von de Coster) gewidmet ist.

Weil die Flamen es so wollten und auf ihrem Recht bestanden, ist bekanntlich vor einigen Jahren die alte Universität von Löwen geteilt worden. Der frankophone Teil hatte aus Louvain gefälligst zu verschwinden. Niederländisch ist die Sprache, die fortan in der Hochschule von Leuven das Sagen hat. Aber es blieb die Frage: Wie machen wir’s jetzt mit der berühmten alten Universitätsbibliothek?

Niemand soll uns einreden, daß an dem Plan, der nun ausgeheckt wurde, ein wallonischer oder ein flämischer Professor beteiligt gewesen sei. Professoren wissen, was eine Bibliothek ist. Wer war es aber? Wer?

Tatsache ist, daß auch die Bibliothek geteilt wird, und zwar so, daß die geraden Nummern im Katalog an die wallonische, die ungeraden an die flämische Universität fallen. Ein einfaches Verfahren, das an gewisse alte Sitten erinnert – einst Schilda und Schöppenstedt, heute Löwen.

Aus belgischen Kolonialzeiten wird erzählt, daß ein Häuptling im Kongo seiner Sippe eine von König Leopold ihm verliehene goldene Uhr hinterließ. Auf den Rat eines weißen Mannes wurde die Erbschaft dann auch gerecht verteilt: Jeder Mann bekam ein größeres, jede Frau ein kleineres Rädchen, der neue Häuptling den Minuten-, der alte Medizinmann den Stundenzeiger. Wo Deckel und Gehäuse geblieben sind, ist unbekannt. Der Ratgeber aber kann niemand anderer als Ulenspeegel gewesen sein, wie die Erfahrung von Löwen lehrt, ein Flame. Lest Eulenspiegels Streiche! Sie sind manchmal recht gemein.

Für die Geschichte vom Kongo gibt es freilich ein Merkmal, das für mildernde Umstände plädieren läßt: Die Eingeborenen waren zwar schon auf dem Wege der Entwicklung, jedoch noch nicht genug entwickelt, als daß sie die Uhr hätten lesen können; sie lebten noch außerhalb der Zeit, Doch wie, wenn die Löwener Universitätsreformer, die hinter Ulenspeegel dreinrennen, auf dem umgekehrten Wege sind? Zurück in die Barbarei? Später Menschenfresserei nicht ausgeschlossen?

Wenn schon die Idee der Löwener Teilung verdient, in die Geschichte (der menschlichen Dummheit) einzugehen, so ist der Hinweis angebracht, daß, wenn hier wider alles Erwarten Ulenspeegel nicht am Werk gewesen sein sollte, ein Analphabet am Werke war. Sicherlich gibt es Posten, an denen solche Leute noch gebraucht werden können, bei Zensurbehörden etwa; nichts gegen Analphabeten, denn die Wilden sind doch bessere Menschen. Aber zur Mitarbeit an organisatorischen Aufgaben, welche berühmte alte Universitäten und ihre Bibliotheken betreffen, sind sie doch vielleicht nicht so gut geeignet, obwohl man annehmen sollte, daß man nicht erst lesen und schreiben lernen muß, um folgenden Satz zu verstehen: Wenn man etwas auseinanderreißt, ist es hinterher kaputt.

Alles in allem: Der Witz von Löwen, daß, wenn die Universität nach Sprachen geteilt werden; mußte, die Bibliothek nach Nummern getrennt werden muß, hat eine bestimmte Logik, die, so nicht! wahnsinnig, eulenspiegelig ist. Lachenwir also!