Ein wolkenverhangener Februarnachmittag ließ die Szene noch düsterer erscheinen. Auf dem kleinen morastigen Sportplatz, umgeben von meterhohen Ziegelmauern und einem Häusertrakt mit vergitterten Fenstern, mühten sich zwei Mannschaften beim Fußballspiel auf Hallenhandballtore. Für etwa 300 junge Männer in abgetragener grauer und dunkelgrüner Einheitskleidung, die dichtgedrängt auf der behelfsmäßigen Laufbahn eine im Sport nicht alltägliche Kulisse bildeten, war das Geschehen auf dem spärlichen Rasen das Ereignis des Jahres. Begeistert feuerten sie ihre in neuen gelb-schwarzen Trikots spielenden Kameraden im Wettstreit gegen eine Betriebssportgemeinschaft an, widmeten dem Schiedsrichter ironische Bemerkungen und wagten hier und da sogar ein belangloses Schwätzchen mit Gästen in Sonntagsgewand.

Das, sportliche Geschehen umrahmte einen Festakt, der der Jugendstrafanstalt des oldenburgischen Kreisstädtchens Vechta einen Sportverein bescherte. Der SSV 71 Vechta e. V. ist das Ergebnis von ein paar Monate währender Zusammenarbeit zwischen der Deutschen Sportjugend, die mit diesem Modellfall ihr Programm sportlicher Hilfe für Randgruppen der Gesellschaft startete, und der sehr aufgeschlossenen Anstaltsleitung.

Der neue Verein, dessen Satzung sich an zeitgemäßen Mustern orientiert, in einzelnen Punkten aber anstaltsinternen Gegebenheiten Rechnung tragen muß, ist nach außen hin offen. Eine bunte Gemeinschaft, von Anstaltsinsassen über Bedienstete bis hin zu Interessenten aller Bevölkerungskreise, wird sich also nach der Aufnahme in den Landessportbund Niedersachsen um reges Vereinsleben bemühen. Die 15 Gründungsmitglieder, die ihren Vorstand den Richtlinien moderner Vereinsführung gemäß besetzten, wählten einen Gefangenen zu ihrem 2. Vorsitzenden. Der monatliche Beitrag von 30 Pfennig wurde dem durchschnittlichen Taschengeld von 15 Mark angepaßt.

Erst Gespräche mit Vertretern des zuständigen Kreissportbundes gaben Aufschluß über das sportliche Zukunftsprogramm. So wird, neben den auch von der Sportjugend unterstützten Bemühungen um vernünftige Sportstätten, die Beteiligung am normalen und regelmäßigen Wettkampfbetrieb des Kreises angestrebt. Erst sie wird mit ihren ungezwungenen Kontakten zur Außenwelt und der damit verbundenen leichteren Wiedereingliederung nach der Haftentlassung die erhoffte Sozialisierungshilfe bieten. Doch hier muß die Deutsche Sportjugend als Initiator des Modellfalles Vechta, dessen Erfahrungen und Ergebnisse für die geplante Ausweitung der Arbeit von großer Bedeutung sind, noch viele Vorurteile in den eigenen Reihen abbauen.

Daß es mit einer Renommierveranstaltung, der damit verbundenen Publicity und dem bißchen „unvergeßlichen Erlebnis“ im ansonsten grauen Alltag der jugendlichen Straftäter nicht getan ist, dürfte allen Beteiligten spätestens zum Abschluß des Vechtaer Gründungstages mehr als deutlich geworden sein. Ein Gefangener drückte Skepsis und sogar Resignation gegenüber großen Plänen und schönen Worten so aus: „Wenn hier der große Rummel erst mal vorbei und vergessen ist, interessiert sich doch sowieso keiner mehr für uns.“ Harald Pieper