/ Von Andreas Flitner

Die Vorschulerziehung ist in Mode gekommen. Vor kurzem noch waren die Mahnungen der Erzieher und die Wünsche der Eltern kleiner Kinder gleichermaßen vergeblich. Landauf und -ab wurde nur wenig für die Kindergärten getan. Jetzt aber ist überall die Unruhe ausgebrochen. „Das Thema beschäftigt die Nation“ (Der Spiegel). Und endlich nimmt auch die große Politik sich seiner an. Alle Parteien haben den Ausbau der Vorschulerziehung auf ihr Programm geschrieben. In der gegenwärtigen Arbeit der Bund-Länder-Kommisssion, in der die Pläne des Bildungsrats und der Bundesregierung politische Gestalt annehmen sollen, spielt sie eine zentrale Rolle. Der Zeitpunkt scheint für neue Einrichtungen und weitreichende Fördermaßnahmen günstiger als je zuvor.

Aber gute Absichten machen noch keine gute Politik. Die eiligen Maßnahmen der Länder und die bisherigen Vorschläge in der Bund-Länder-Kommission weisen sich noch nicht aus als Teil eines politisch realisierbaren und pädagogisch sinnvollen Konzepts. Vieles davon scheint im Gegenteil geeignet, einige besonders laut vorgebrachte Forderungen rasch zu erfüllen und damit die Lage eher zu verschlechtern.

Das Programm der Bundesregierung ist auf der Grundlage des „Strukturplans“ des Deutschen Bildungsrates eindeutig formuliert: Die Vorschulerziehung soll künftig als Teil des Bildungswesens begriffen und als seine Elementarstufe ausgebaut werden. Dieser Ausbau ist „besonders wichtig und vordringlich“; die Regierung sieht darin „den entscheidenden Ansatz für den systematischen Abbau von Milieusperren. Damit wird die Elementarerziehung zum ersten und wichtigsten Schritt in der Schulreform“. Für alle Drei- und Vierjährigen soll die „Elementarstufe“ in Form eines verbesserten Kindergartens zur Verfügung stehen. Der Besuch bleibt freiwillig; Träger der Arbeit werden wie bisher die freien Verbände und die Gemeinden sein. Für die Fünfjährigen sollen zunächst freiwillige Schulkassen („Vorklassen“) eingerichtet werden. Bis 1980 meint man insgesamt die Schulpflicht auf das vollendete 5. Lebensjahr vorverlegen zu können. Freilich müsse bis dahin, wie der Bericht der Bundesregierung sagt, die Eingangsstufe der Grundschule ganz verändert sein. „Ein vorverlegter Schulbeginn ohne gleichzeitige Reform wäre nicht zu verantworten.“

Das ist eine klare Alternative zu unserem bisherigen System. Wie aber sieht es mit der Realisierung aus? Über den gegenwärtigen Bestand an Einrichtungen kann niemand mehr falsche Vorstellungen haben. Die Bundesregierung selber schildert die Verhältnisse ohne Schönfärberei: Nur für ein Drittel der Kinder von drei bis sechs Jahren stehen bisher Plätze zur Verfügung, „Plätze“ allerdings nur in sehr oberflächlichem Sinn. Denn nur auf 50 Kinder kommt eine ausgebildete Erzieherin – statt auf 12 bis 15, wie es erforderlich wäre. An manchen Stellen ist die Lage noch sehr viel ungünstiger; die Caritas nennt für Baden-Württemberg das Verhältnis 1 : 72. Durch die Mitarbeit von Helferinnen können die Gruppen etwa halbiert werden, sind aber, besonders auf dem Lande, immer noch mehrheitlich so groß, daß eine pädagogische Kindergartenarbeit gar nicht aufkommen kann. Dabei wäre sie dort nötiger als irgendwo.

Gravierend ist auch künftig vor allem der Mangel an Erziehern. Mehr als 100 000 Fachkräfte werden für den Ausbau bald und zusätzlich gebraucht. Woher nimmt man sie? Hat man Studien über den Berufsmarkt angestellt und einen Plan für seine Auswertung entworfen? Weiß man, welche Felder noch erschließbar sind, wie man etwa Mütter der betroffenen Kinder gewinnen und anleiten kann und wer die Ausbildung und Praxisanweisung übernehmen könnte? Die Bildungskommission hat die Fragen der Ausbildung, und Personalgewinnung einfach fortgelassen: „Hinsichtlich des Elementarbereichs beschränkt sie sich auf die grundlegenden Forderungen zur Anhebung des qualitativen Niveaus.“ Auch die Bundesregierung begnügt sich damit festzustellen, daß es eine Lehrerbildung auf dem Gebiet noch nicht gebe und daß es gut sei, für bisherige Erzieherberufe besondere Angebote zur Weiterbildung bereitzustellen.