Moderne Welle auf Wiener Bühnen: Mozart im Spiegelkabinett, Kohouts Krieg im Schlafzimmer, Artmanns Kasperln sowie ein Literatenaufstand

Von Otto F. Beer

Diese Spielzeit treibt seltsame Programmwellen über die Wiener Bühnen. Im Spätherbst etwa überschwemmte eine Boulevardwoge alle großen Häuser, bis vor so viel dezentem Ehebruch ein großes Gähnen die Stadt überkam. Im März folgte die Reaktion, indem allerorten das hierzulande sonst wenig akkreditierte Zeittheater ausbrach.Von Turinis schlagkräftiger „Rozznjogd“ bis zu Kohout, von Artmann bis zu Herwig Seeböcks „Haushalt oder die Sandhasen“, von einem wienerischen La-Mamma-Ableger bis zu Buchriesers „Hanserl“ kamen Ur- und Erstaufführungen in geballter Ladung heraus.

Nur wer die Wiener Atmosphäre völlig mißverkennt, könnte dahinter einen Plan vermuten. Was man andernorts längst zu einem weitgreifenden dramaturgischen Konzept zurechtgedrechselt hätte, entsteht hier durch Zufall und kommt für alle Beteiligten überraschend. Ja innerhalb dieser Zeittheaterwelle gibt es noch eine Spezialwelle, eine tschechische nämlich, denn derselbe Zufall hat auf Wiener Bühnen so etwas wie einen Prager Vorfrühling zuwege gebracht, einen unbeabsichtigten selbstredend. Die Brücken von hier nach Budapest oder Prag sind ja nie ganz abgebrochen worden. Die Weltgeschichte hat nur zeitweilig einen Riegel vorgeschoben, aber sobald sie nicht scharf genug aufpaßt, stellen sich alte Bindungen sofort wieder her.

Das zeigte sich an einem so wenig zeitgenössischen Werk wie dem „Idomeneo“. In regelmäßigen Abständen von vierzig Jahren entdeckt man diesen münchnerischen Mozart für die Wiener Oper, nur um dann zu dem Ergebnis zu kommen, daß er eben doch eher ein Gluck ist. Beim jüngsten Wiederbelebungsversuch holte die Staatsoper ein Prager Team nach Wien. Vaclav Kaslik als Regisseur und Josef Svoboda als Bühnenbildner, zwei Väter der „Laterna magica“ also, verärgerten zwar behäbige Mozartfreunde, die sich nur zögernd damit anfreunden, daß man in Opern auch Regie führen darf, boten aber faszinierendes optisches Theater.

Ein großer Diagonalspiegel quer über der Bühne bewirkte, daß man die Akteure nicht nur von vorn, sondern auch in der Draufsicht bewundern konnte. Wenn der Chor die Seitentreppen stürmte, kam ihm von oben ein gespiegelter Gegenchor entgegen. Dazu ein reiches Zaubertheater von Hintergrundprojektionen, Schattenballetten und spiegelbildlich vervielfältigten Furien: dieser Mozart auf der Reise von Prag war optisch derart fesselnd, daß man auf den dritten Mann der tschechischen Equipe, den Dirigenten Jaroslav Krombholc, gottlob nicht so genau hinhörte. Was man im Orchestergraben zuweilen recht undifferenziert musizierte, wurde durch sängerische Leistungen wie diejenigen von Waldemar Kmentt, Sena Jurinac oder Werner Krenn weitgehend ausgeglichen.

Computer-Soldaten