Von Hans Weigel

In den letzten Jahren hat sich nicht nur unter den Feuilletonisten herumgesprochen, daß Österreich anders ist als das traditionelle Klischee, das Filme, Operetten und Anekdoten überliefern; man hat auf das Dämonische und Hintergründige der Geschichte und vor allem der Literatur Österreichs hingewiesen; man hat das neue Österreichbild vom Walzer namens „Geschichten aus dem Wienerwald“ zu dem gleichnamigen, sehr ungemütlichen Schauspiel Ödön von Horváths hin retouchiert; man hat unter Berufung auf Freud und Franz Kafka und die neuen Erzähler, etwa Thomas Bernhard, auf die Chansons des genialischen Georg Kreisler und viele andere Österreicher dieses Jahrhunderts ein. makabres Österreich gezeichnet, das nun seinerseits allmählich zum Klischee zu entarten droht.

Es wird Zeit für die Feststellung: Gar so anders ist Österreich auch wieder nicht. Beziehungsweise: es ist auch anders als das „andere“ Österreich der Feuilletonisten. Es ist nie so gemütlich gewesen, wie es ehedem porträtiert wurde – und vor allem war Franz Joseph I. sicherlich nicht der „liebe gute alte Herr von Schönbrunn“, als welchen man ihn besang; aber das Land weist eine weit geringere Quote von Dämonen auf, als man, einseitig vorbereitet, anzutreffen annehmen mag.

Die Stadt Wien, eine der kleinsten Großstädte der Welt, liegt recht fern von allen Zentren, denen sie sich kulturell und politisch verbunden fühlt, und bestürzend nah an Preßburg, Prag und Budapest. Die Südgrenze zwischen Österreich und Jugoslawien ist seit Jahren offen und beinahe ebenso unmerkbar wie die Grenzen bei Passau und Salzburg, bei Bregenz und Buchs.

Die Gegend um Wien wurde einmal sehr treffend als „der Osten des Westens“ bezeichnet. Die alte Monarchie ist nicht nur längst dahin, sondern auch innerlich überwunden, aber das östlichbalkanische Element ist in die Republik eingegangen. Und weil, Österreich so weit an den Rand des Westens reicht, dringen neue Wellen nicht mit ihrer .vollen Stärke hierher, sie fluten nicht, sie plätschern eher: Die große Unruhe politischer und sozialer Auseinandersetzungen äußert sich vergleichsweise ruhig, der Zug der Zeit hat einige Verspätung. Man kann in Österreich, besonders als Gast, vom Zeitgeschehen Urlaub nehmen, man ist, wie in der Schweiz, von einem Kleinstaat aufgenommen, wie ihn Jacob Burckhardt rühmte und den Großmächten vorzog; doch, anders als in der Schweiz, hat die Weltgeschichte um diesen Staat keinen Bogen gemacht. Das alte Österreich ging 1918, das mit halbem Herzen republikanische ging von 1934 bis 1938 verloren. Man ist in einem relativ jungen Staat, der sich selbst erst allmählich verstehen und kennengelernt hat. Doch das Bewußtsein des Neuen ist erfreulich getragen von viel Bleibendem der Landschaft und der Künste.

Österreich ist zu seiner eigenen Überraschung durchaus lebensfähig, von Konjunktur und Prosperität gesegnet; und das bedeutet unter anderem, daß hier Arbeitsscheu und Schlamperei nicht so allgegenwärtig sein können, wie es die Legende will, Denn auch hier wurde im Frühjahr 1945 bei Null begonnen, und erst zehn Jahre später war man Herr im eigenen Haus. Und doch blüht Österreich wirtschaftlich dank der hauseigenen Melange: Export heimischer Waren und Import ausländischer Touristen und ihrer Devisen.

Man kann als Gast hier mit der deutschen Sprache durchkommen und braucht im Umgang mit Hotelangestellten keine iberischen oder mohammedanischen Idiome zu beherrschen. Auch das macht Österreich für Touristen zu einem angenehm unzeitgemäßen, fast exotischen Land.