Von Heinrich August Winkler

Seymour Martin Lipset und Earl Raab: „The Politics of Unreason. Right-Wing Extremism“ in America, 1790–1970“; Harper and Row Publishers, New York 1970; 548 Seiten, 12,50 Dollar.

Bonn ist nicht Weimar, so glaubt man in der Bundesrepublik zu wissen. Aber wird nicht Washington Weimar? In den Vereinigten Staaten gehörte diese Frage 1970 zu den beliebtesten Themen von Zeitschriftenaufsätzen und Cocktailpartys. Amerikas liberale Mitte, bedrängt von den Extremen der Linken und Rechten, fühlte sich gelegentlich an die „Demokratie ohne Demokraten“ erinnert und sah die Welle des Faschismus unaufhaltsam steigen. Seit den Novemberwahlen des letzten Jahres, die solchen Befürchtungen nicht allzu viele Anhaltspunkte boten, ist die Diskussion etwas gelassener geworden. Die Frage aber ist geblieben: Wie groß ist in Amerika das rechtsextreme Potential, und welche Chancen mag es in Zukunft haben?

Seymour Martin Lipset, angesehener Soziologe der Harvard-Universität, und Earl Raab, ehemaliger Dozent der Universität von Kalifornien in Berkeley, haben die erste umfassende Studie über Geschichte und Soziologie der radikalen Rechten in den Vereinigten Staaten vorgelegt. Ihr Buch, das kurz nach dem Erscheinen mit dem Gunnar-Myrdal-Preis ausgezeichnet wurde, setzt mit der Gründung der Vereinigten Staaten ein. Es untersucht die organisierte Feindschaft gegen Freimaurer und Fremde und geht einer Legende nach, die erstmals um 1790 in Amerika erschien und bis heute erstaunlich lebenskräftig geblieben ist: daß nämlich eine geheime Verschwörung wider Recht und Ordnung bestehe, die auf den im Jahre 1776 von dem bayerischen Rechtsprofessor Adam Weishaupt gegründeten Freimaurerorden der Illuminaten zurückgeht. Noch heute wird vom Führer der John-Birch-Gesellschaft die These wiederholt, daß die Illuminaten hinter jeder sozialen Unruhe und allen revolutionären Theorien stehen. Mitunter stößt man sogar auf die Behauptung, Karl Marx habe das Kommunistische Manifest im Auftrag dieser Organisation geschrieben!

Das soziale Milieu, in dem ein derart horrender Irrationalismus gedeiht, ist gar nicht so rein „kleinbürgerlich“, wie man auf Grund deutscher Erfahrungen vermuten möchte. Es zeichnet den amerikanischen Rechtsradikalismus aus, daß er zu einem erheblichen Grade in die Arbeiterschaft eingedrungen ist. Die aus den Südstaaten in den industrialisierten Norden einströmenden Neger wurden ebenso wie die europäischen Einwanderer als unliebsame Konkurrenz auf dem Arbeit. markt und als Bedrohung der eigenen wohlerworbenen Rechte empfunden: die Mentalität vieler Arbeiter ist insoweit echt „mittelständisch‘.

Eben darum konnten auch Organisationen und Agitatoren bei der Arbeiterschaft Resonanz firden, die soziale Ressentiments in eine ausgesprochen „rechte“ Richtung zu lenken verstanden der Klu-Klux-Klan etwa, der in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts auf den Gipfel seiner Wirksamkeit gelangte; der katholische Rundfunkprediger Charles Coughlin, ein leidenschaftlicher Gegner Präsident Franklin D. Roosevelts, der sich nach 1936 offen als Antisemit und Profaschist zu erkennen gab; Senator Joseph McCarthy, der Kommunistenjäger der frühen fünfziger Jahre; George Wallace, der Gouverneur von Alabama und Präsidentschaftskandidat von 1968, der den Ruf nach „Gesetz und Ordnung“ zum Slogan des Jahres machte.

Lipset und Raab haben eine einleuchtende Erklärung dafür, warum extreme Bewegungen der Linken und der Rechten immer nur wellenförmig auftraten, erst gewaltig anwuchsen und dann wieder rasch abflauten: die beiden großen Parteien verstanden es, das Wählerpotential der jeweiligen dritten Partei weitgehend aufzusaugen – ein Phänomen, das die Autoren zu Recht success in failure nennen. Den jüngsten Versuch in dieser Richtung markieren deutlich die Kampagnen des Vizepräsidenten Agnew für law and order. Freilich hat das etablierte Zweiparteiensystem auch von vornherein eine abschreckende Wirkung: Da nur wenige ihre Stimme an einen aussichtslosen Kandidaten verschenken wollen, ist die Zahl der Sympathisanten extremer Bewegungen regelmäßig viel größer als die ihrer Wähler.