Für 1984 hatte der sowjetische Schriftsteller Andrej Amalrik seinem Land den Zerfall des gegenwärtigen kommunistischen Regimes vorausgesagt. Wegen „antisowjetischer Propaganda“ wurde der 32jährige Autor deshalb Ende 1970 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Auf dem Transport von einem Arbeitslager ins andere erkrankte er jetzt an einer schweren Hirnhautentzündung. Nach zehntägiger Bewußtlosigkeit soll er sich endlich in einem Gefängnislazarett befinden.

Amalriks Siechtum liegt die Drohung zugrunde, die der sowjetische Parteichef Breschnjew vor dem XXIV. Parteikongreß noch einmal in aller Form an die Schriftsteller gerichtet hat: „Wenn ein Literaturschaffender die sowjetische Wirklichkeit verleumdet, dann verdient er nur eines – gesellschaftliche Verachtung.“

Solche „Verachtung“ ist politischer und daher willkürlicher Natur. Hinter ihr steht keine sowjetische Gesellschaft, sondern die abgekapselte und elitäre kommunistische Machtbürokratie. Die „Verachtung“, die Breschnjew meint und Amalrik zu erdulden hat, ist der asoziale und unmenschliche Akt eines Regimes, das sich vor der Gesellschaft fürchtet. A. K.