Von Hansjakob Stehle

Rom, im April

Mit einer Flut von Beschuldigungen wird gegenwärtig der Vize-Parteichef der italienischen Kommunisten, Enrico Berlinguer, von der nicht-kommunistischen Öffentlichkeit seines Landes überschüttet – wobei der eigentliche Anlaß nahezu verschüttet wird: Die Ansprache Berlinguers vor dem Moskauer Parteitag, die in aller Welt als Demonstration des Eigenwillens, ja kommunistischer Ketzerei verstanden worden war. In Italien jedoch trug sie ihm Vorwürfe ein, die von der Note „nicht genügend“ (der Sozialisten) und der Verdächtigung falschen Spiels (durch die Christdemokraten) bis zur (sozialdemokratischen) Behauptung reichen, Berlinguer habe einen „Kadavergehorsam gegenüber Moskau“ an den Tag gelegt.

Davon kann gewiß keine Rede sein; doch alle diese Reaktionen sind Symptome des Dilemmas, in dem die italienische Innenpolitik und mit ihr die KPI selber steckt. Je schwieriger es wird, ohne und gegen die Kommunisten zu regieren, desto schwerer läßt sich die Frage beantworten, ob und wieweit man den Kommunisten trauen kann – und wieviel Autonomie sich diese selber zutrauen. Wenige Tage vor dem Generalstreik des 7. April, mit dem die kommunistische, christdemokratische und sozialistische Gewerkschaft in gemeinsamer Aktion ihr Mißtrauen gegen die Reformpolitik der Mitte-Links-Regierung Colombos bekundeten, mußte Berlinguers Moskau-Rede alle jene Ängste und Hoffnungen steigern, die das Land in Spannung halten.

Wenn Berlinguer vor seinen sowjetischen Zuhörern stolz eine bevorstehende „Wende nach links“ in Italien verkündete und wenn er zugleich die Sowjetunion seiner „lebendigen und wirksamen Solidarität“ versicherte, dann hätte das für die Ohren der Italiener fatal klingen müssen – ohne den wichtigen Zusatz: „Das kann natürlich nicht bedeuten, daß wir uns mit jeder Entscheidung, die ein sozialistisches Land oder eine kommunistische Partei aus eigener Verantwortung trifft, identifizieren, sondern es bedeutet eine grundsätzliche Solidarität mit einem Lande wie dem euren, mit den anderen sozialistischen Ländern, mit der ganzen Welt, die schon durch ihre bloße Existenz die Geschicke der Menschheit verändert hat. Unser Internationalismus gründet sich auf die Anerkennung der vollen Unabhängigkeit jedes Landes und jeder Partei, und er läßt – wie es schon geschah und immer geschehen kann – Platz für Momente und Motive von Meinungsverschiedenheiten und Divergenzen, ohne die Solidarität zu schwächen...“

Trotz solcher Verklausulierung und dialektischen Verpackung lassen sich diese Sätze durchaus als Absage an Breschnjews Interventionsdoktrin und auch an die Allgemeingültigkeit des sowjetischen Sozialismusmodells interpretieren. Dennoch müssen sich die italienischen Kommunisten auch fragen lassen, wie sie ihre „Solidarität“ mit Moskau praktisch nachweisen und erhalten würden, wenn sie – einmal an der Macht beteiligt – der Souveränität des eigenen Landes den Vorrang zu geben hätten. Der Prager Parteichef Husák, der unmittelbar nach Berlinguer in Moskau sprach, bot eher ein abschreckendes Beispiel. Eilig sandte Berlinguer deshalb seinem Parteiorgan Unitá eine offiziöse Mitteilung: Die KPI-Delegation habe Husák nicht applaudiert; sie drückte ihre „tiefe Mißbilligung“ gegenüber dem Souveränitäts- und Autonomiebegriff aus, wie ihn Husák dargelegt habe. Auch in anderen Parteidelegationen habe es lebhafte Reaktionen auf die „noch unannehmbarer als bisher“ formulierte Interventionsdoktrin gegeben, berichtete die Unitá aus Moskau. Gleichwohl hatte Berlinguer in der sowjetischen Hauptstadt versichert: „Wir werden immer gegen Erscheinungen des Anti-Sowjetismus kämpfen.“

Darum gehe es gar nicht, antwortete ihm der Avanti, das Parteiblatt der Sozialisten. „Auch wir stehen an der Seite des sowjetischen Volkes, aber nicht auf der Seite seiner repressiven Bürokratie.“ Die Sozialisten, die – obschon in der Regierung der Linken Mitte – am ehesten zu einer Zusammenarbeit mit den Kommunisten neigen, bestehen auf eindeutiger Distanz der KPI von Moskau. Die KPI umgekehrt fürchtet, daß sie das dialektische Zwittergebilde „Solidarität plus Autonomie“ einfach nicht entbehren kann, wenn es nicht zum totalen Bruch mit Moskau kommen soll. Und diesen Bruch scheut man in der römischen KP-Zentrale aus mehreren Gründen: „Wir haben gelernt – auch für heute“, schrieb die Unitá, als sie beim kürzlichen Tito-Besuch in Rom daran erinnerte, daß auch die KPI 1948 Stalins Bannstrahl gegen Belgrad gebilligt hatte. „Die Differenzierung, auch die politische Auseinandersetzung darf nie zum brudermörderischen Kontrast werden... Einheit und Verschiedenheit sind die Begriffe unserer Dialektik.“

Doch außer diesem Trauma früheren eigenen Versagens ist es vor allem ein sentimentaler Komplex, der die italienischen Kommunisten daran hindert, aus ihrer Abneigung gegen das heutige Sowjetmodell klare Konsequenzen zu ziehen. Die Nabelschnur, die sie nicht durchschneiden wollen, hat freilich schon manche Kinder der Revolution erwürgt.