Eine Diktatur der Obristen blieb der Türkei noch einmal erspart. Ankaras Generäle verordneten lediglich eine Regierung der „Nationalen Koalition“ unter Ministerpräsident Nihat Erim. Sie soll die türkische Krankheit heilen: die Unfähigkeit, ein rückständiges Land zu entwickeln und der Armut zu Leibe zu rücken.

Erim, ein 59 Jahre alter Rechtsprofessor, ist in der Politik kein Neuling. Zwischen 1946 und 1950 gehörte er mehreren Regierungen an; einmal führte er für kurze Zeit das Kabinett. Bei den schwierigen Zypern-Verhandlungen 1964 in Genf war er Gesprächspartner des amerikanischen Unterhändlers Acheson. Als Staatspräsident Sunay ihm jetzt das Amt des Regierungschefs anbot, verließ Erim aus Gründen der Neutralität die Republikanische Volkspartei, zu deren konservativem Flügel er zählte. Nach zähen Verhandlungen gelang es ihm, eine Koalitionsregierung zu bilden, die die Zustimmung aller großen Parteien und vor allem der Oberbefehlshaber fand. Als er seine Kabinettsliste präsentierte, sprachen Diplomaten vom „Kabinett der Köpfe“.

Die Mehrzahl der Minister sind parteilose Fachleute. Erstmals in der Geschichte der türkischen Republik sitzt auch eine Frau im Kabinett. So scheint durch die Koalition von „Technokraten“ und Parlamentariern die türkische Staatskrise zwar nicht überwunden, so doch vorerst beigelegt. Überwinden könnte sie nur eine radikale Sozialreform, wie sie die Militärs fordern und Erim sie verspricht.

Heute herrscht im Land gespannte Ruhe. Die Alarmbereitschaft für die Armee ist aufgehoben, die roten Aufrufe zur Revolution an den Wänden der Universitäten werden weiß übermalt, die Rechtsradikalen halten sich zurück. Der Generalstab schickte ein paar Dutzend jüngere Offiziere, die er als „linksradikal“ befand, in die Provinzgarnisonen. Der Führer der jungen Revolutionäre, Denis Gezmis, sitzt hinter Gittern. Auf das Konto der von ihm geführten „Volksbefreiungsarmee“ gingen Banküberfälle, Bombenanschläge und die Entführung der vier amerikanischen Soldaten.

Wieder einmal, wie schon 1960 wähnte sich das Militär als Retter der Türkei. Die Offiziere fühlen sich als Nachlaßverwalter Kemal Atatürks, des Vaters der patriarchalischen Republik. Der Kemalismus ist die Staatsphilosophie des Landes, sein Evangelium, auf das sich auch der neue Premier Nihat Erim beruft. Der Laizismus, ein wichtiger Programmpunkt des Kemalismus – Trennung von Kirche und Staat mit deutlicher Spitze gegen den Islam –, hat in den letzten Jahren an Terrain verloren. Unter dem letzten Ministerpräsidenten Demirel nahm der Einfluß der militanten mohammedanischen Priesterschaft wieder zu. Das stillschweigende Einvernehmen zwischen Partei und Moschee brachte der „Gerechtigkeitspartei“ die Mehrheit, der fortschrittsfeindlichen Dorfgastlichkeit, eine unangefochtene Stellung.

Das mangelnde Arbeitsethos des Islam ist ein Hemmschuh auf dem Wege zur Reform, den Erim vorgezeichnet hat. Sozialgesetze sollen einen Mindestlohn garantieren, die Arbeitslosenunterstützung einführen und das Erziehungswesen reformieren. Heute sind noch mehr als die Hälfte aller Türken Analphabeten. Die Wirtschafts- und Strukturpolitik rangiert im Programm der neuen Regierung an wichtiger Stelle: mehr Staudämme, mehr Kanäle, mehr Straßen, mehr Industrie, vor allem mehr Arbeitsplätze. Das Hauptproblem ist nach wie vor die Schwierigkeit der Kapitalbeschaffung. Der rapide Bevölkerungszuwachs zehrt die ohnehin knappen Zuwachsraten auf. 1950 hatte die Türkei 20 Millionen Einwohner, heute sind es 36 Millionen. So steht die Regierung vor fast unüberwindlichen Aufgaben. Die Militärs geben Erim ein Jahr Zeit, die Reform-Pläne in die Tat umzusetzen. Dieter Mohrhart