Von Hans Schueler

An ein und demselben Tag hat Amerika der Welt seine zwei Gesichter gezeigt: Das Militärgericht in Fort Benning verurteilte den Oberleutnant William Calley wegen Mordes zu lebenslanger Zwangsarbeit, weil er mit seiner Infanterieeinheit im südvietnamesischen Dorf My Lai waffenlose Frauen, Kinder und Greise erschossen hatte. In diesem Sinne sind Prozeß und Urteil ohne Vorbild: Ein kriegführender Staat gesteht während des noch andauernden Krieges das Kriegsverbrechen seiner Soldaten öffentlich ein und urteilt es ab – an dem Offizier, der der Tat am nächsten und in der Befehlskette der unterste war. Trägt Calley nun das Büßerhemd der Nation?

Nach der Urteilsverkündung steht diese Nation auf. Sie überschüttet ihren Präsidenten in Tausenden von Briefen, Telegrammen und Telephonanrufen mit ihrem Protest gegen das Urteil, fordert Gnade und Revision. Die Militärrichter erhalten Morddrohungen. Ein Kongreßabgeordneter möchte den verurteilten Oberleutnant für "Heldentum im Kampf gegen den Kommunismus" dekoriert sehen; der Gouverneur des Staates Indiana ordnet Halbmastbeflaggung auf allen öffentlichen Gebäuden an – nicht zum Gedenken an die Opfer, sondern zu Ehren des Mörders von My Lai.

Die bisher "schweigende Mehrheit" hat sich im Fall Calley zu Wort gemeldet, und der Präsident hört auf sie: Er verfügt die Entlassung des nach dem Urteilsspruch Verhafteten aus dem Gefängnis. Calley darf seine Offiziersuniform weiterhin tragen und sein Apartment im Offiziersheim von Fort Benning bewohnen, bis über die Berufung gegen das Urteil entschieden ist. Das kann Jahre dauern. Während dieser Zeit wird der Oberleutnant unter gelockertem Hausarrest leben.

Der zweite Eingriff Richard Nixons in ein schwebendes Verfahren (den ersten unternahm er mit einer verbalen Vorabverurteilung der Manson-Gruppe im Prozeß um die Ermordung von Sharon Tate) gleicht einem demagogischen Spektakel. Er stellt als vorweggenommener Gnadenakt das Urteil in Frage und läßt zweifeln, ob es am Ende mehr sein wird als eine symbolische Geste der Gerechtigkeit.

Die Vereinigten Staaten haben nach dem Zweiten Weltkrieg viel getan, um der Achtung von Kriegsverbrechen internationalen Respekt und Geltung im Kriegsvölkerrecht zu verschaffen. Die zwölf Nürnberger Prozesse gegen Ärzte und Juristen des NS-Regimes und gegen führende Wehrmachtgeneräle, die auf den Hauptkriegsverbrecherprozeß gegen Göring und andere folgten, haben Maßstäbe einer Verantwortung gesetzt, an denen die Siegermacht über Deutschland nun für ihren eigenen Krieg in Vietnam gemessen wird.

Der amerikanische Protest gegen das Calley-Urteil resultiert zweifellos überwiegend aus der Weigerung, jene Maßstäbe für einen schmutzigen Krieg gelten zu lassen, den der Gegner unter bewußtem Verzicht auf alle Regeln des Kriegsrechts führt. Nationalistischer und zu Teilen wohl auch rassistisch gefärbter Hochmut im Zeichen der "mere gook rule" – es geht ja nur um Vietnamesen – mag hinzukommen. Aber es ist nicht nur dies: Eine Minderheit sieht in der Tatsache, daß die Verbrechen von My Lai bisher nur an einem kleinen Zugführer geahndet wurden und voraussichtlich höhere Offiziere nicht strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden, eine Pervertierung der Prinzipien von Nürnberg.