Von Ernst Wendt

Armand Gatti, heute 47 Jahre alt, hat seit dem Ende der fünfziger Jahre, als er – nach Jahren journalistischer Weltreisen – anfing, fürs Theater zu schreiben, mehr als ein Dutzend großer Stücke vorgelegt. In ihnen hat er die Spuren seiner Auseinandersetzung mit den politischen Kämpfen dieses Jahrhunderts hinterlassen. Gatti ist der Chronist der scheiternden Revolutionen und der gelungenen Unterdrückungen, ein Proletarier, der in die Rolle des Intellektuellen entkommen ist und nun registriert und theatralisiert, wie sehr er an den Kämpfen seiner Klasse nur literarisch teilnehmen kann.

In seinem neuen Stück „Rosa Kollektiv“ zeigt Gatti am Beispiel von Rosa Luxemburg deutsche Teilung, deutsche Zerrissenheit und deutsche Träume von Revolution. Immer wieder hat es Gatti in das Land zurückgetrieben, gegen das er in der Résistance kämpfte, in dem er interniert war, aus dessen Lagern er fliehen konnte.

Es gibt einen irrationalen Zug in Gattis Werk, eine Fixierung an Situationen historischer Vergeblichkeit – eine Art Hemingwayscher Einzelgängerei und Kampfeslust tritt da immer wieder gegen die Geschichte und gegen herrschende Klassen an. Das erklärt vielleicht auch, warum gerade am deutschen Theater immer wieder Erwartungen in Gatti gesetzt werden. Jedes neue Stück weckt die Hoffnung auf das nächste, das endlich vielleicht gelingende, das nicht hinter den Erwartungen, die die großen Stoffe provozieren, zurückbleibt.

Gatti scheitert immer wieder, weil er von seinen Visionen nicht ablassen mag, weil er das Dokumentarische, Gelebte unaufhörlich mit dem Phantastischen, noch zu Lebenden in eins zu bringen sucht, die verendeten Revolutionen mit denen, die gemacht werden sollen. Gattis Stücke kommen in der Bedenklichkeit, mit der sie geschrieben werden, um.

„Rosa Kollektiv“ ist die Summe aus vielen nichtgeschriebenen Stücken, aus Mini-Stücken und Theatereinfällen, die die Auseinandersetzung mit Rosa Luxemburg hervorgelockt hat; die Summe aller denkbaren Impulse, die diese Frau, ihre Worte, ihre Taten, ihr Tod heute auslösen könnten. Kein Stück über Rosa Luxemburg – weil alle denkbaren Stücke über eine historische Figur sie nur zum zweitenmal, endgültig hätten töten können – sondern ein Versuch, unser ideologisch vorfabriziertes, verkümmertes, sentimentales, ressentimentgeladenes, zu aktivierendes Bewußtsein von Rosa auf einer Bühne darzustellen; Rosas Leben als ein von den Heutigen noch zu verwirklichendes zu imaginieren – und ihren Tod als ein Ereignis, dem vielleicht nur neue ebenso schnöde Tode einen dauerhaften Sinn geben können.

Gatti macht gleich durch die Form, der er sich bedient – eine Fernsehdiskussion über Rosa Luxemburg ufert aus zum Theaterspiel im Studio, die Diskussionsteilnehmer realisieren redend und spielend jeweils „ihre“ Rosa – auf die Unmöglichkeit, ein Theaterstück zu schreiben, aufmerksam. Die ganz richtige Überlegung, daß heutiges Bewußtsein sich am ehesten, wie verkrüppelt auch immer, in der Dorfgemeinschaft des Mediums Fernsehen zu artikulieren versteht, zieht die groteske Folge fürs Theater gleich nach sich: da spielt eine Bühne den ganzen Abend lang Televisiori, „unsere kleine Stadt“ der Moderatoren und Kameramänner. An die Stelle des totgespielten „Theaters auf dem Theater“ tritt das „Fernsehen auf dem Theater“, die ganze Welt ist Studio.