Von Dietrich Strothmann

Die Zahlen erschrecken, doch sie sind noch vorstellbar: Am 16. März 1968 brachte die Einheit des US-Oberleutnants William Laws Calley Jr. in dem südvietnamesischen Weiler My Lai mindestens 500 Menschen um, Männer, Frauen, Greise und Kinder. Sie waren ahnungslos, unbewaffnet. Angeklagt wurde Calley später des Mordes in 102 Fällen, verurteilt wurde er dann, zu lebenslanger Zwangsarbeit, in 22 nachgewiesenen Fällen. 22 planmäßig erschossene Zivilisten – eine Zahl, die jedermann begreifen kann: Der überschaubare Tod.

Die anderen Ziffern sind ebenso schrecklich, aber sie lassen sich nicht mehr begreifen: In den sechs Jahren des 2. Indochina-Krieges wurden in Südvietnam, Kambodscha und Laos 350 000 Zivilisten getötet; allein im vergangenen Jahr kamen in Südvietnam jede Woche über 500 unbewaffnete Einwohner ums Leben. In den letzten drei Monaten des Jahres 1970 mußten insgesamt 150 000 Südvietnamesen ihre Dörfer verlassen; in Kambodscha waren es im vergangenen August eine Million von sechs Millionen Einwohnern, in Laos fast 300 000 von drei Millionen Einwohnern. Tod und Leid haben Dimensionen angenommen, die kein Verstand mehr zu erfassen vermag.

Kriege waren immer unmenschlich. Stets zogen sie Unschuldige, Unbeteiligte in das fürchterliche Geschehen. Fast nie wurden sie nur zwischen Bewaffneten geführt; noch in jedem Krieg fielen, ob absichtlich oder unabsichtlich, Zivilisten zum Opfer. In unserem Jahrhundert aber, das ein "Jahrhundert der Barbarei" genannt wurde, hat der Krieg alle Grenzen überschritten.

Er nimmt Formen des Genocids an, des Ausrottungskrieges ganzer Volksgruppen. Und selbst der, der in einem solchen Krieg Verbrechen begeht – Exekutionen von Gefangenen, Folterungen von vermeintlichen Sympathisanten, Erschießungen von Dorfbewohnern – ist nur ein Statist, eine Randfigur. Der Krieg, in dem er kämpft, führt zu einer "Atomisierung der Schuld"; die Untaten, die er begeht, stehen im Einklang mit den Forderungen von Staat und Gesellschaft; er ist im Zustand einer "moralischen Anästhesie", ein Täter mit "gutem Gewissen".

Nürnberg – die Urteile und Rechtsgrundsätze des Internationalen Militärtribunals gegen die Kriegsverbrecher des "Dritten Reiches" – sollte ein für allemal Schranken gegen Kriegsverbrechen aufrichten. Geächtet wurden damals nicht nur der Angriffskrieg und das "Verbrechen gegen den Frieden"; verurteilt wurden ebenso Kriegsverbrechen und das "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Doch Nürnberg blieb in der Rechtsgeschichte und für den Krieg nur eine Episode. Es war kein neuer Anfang.

Nach 1945 ist kein einziger Fall von "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" verfolgt Wörden – obwohl es viele gab. Die Entwürfe eines auf den Nürnberger Paragraphen basierenden Völkerstrafrechts sind von vielen UN-Ausschüssen vorgelegt – aber noch in keiner Vollversammlung sind sie debattiert worden. Pläne, wie die Ächtung des Luftkrieges gegen die Zivilbevölkerung, die Einführung des Atomwaffeneinsatzes in die Genocid-Konvention oder die Errichtung eines internationalen Strafgerichtshofes, blieben lediglich Stoff für theoretische Erörterungen.