Seit fast zwei Wochen wird in Ostpakistan geschossen. Mag auch die Zentralregierung in Westpakistan behaupten, die Lage habe sich "beruhigt", alle Nachrichten, die die von den Militärs verhängte Sperre passieren, beweisen das Gegenteil. Sie sprechen von einem "zweiten Biafra", vom Tod unschuldiger Zivilisten und Kinder. Bilder, soweit sie in die Außenwelt gelangen, zeigen Flüchtlinge, die ihre spärliche Habe auf primitiven Karren mit sich führen, ziellos auf der Suche nach einem sicheren Ort.

Die erschütterndsten Photos erschienen am Wochenende in einer englischen Sonntagszeitung. Das eine zeigt sechs Pakistaner, deren Hände gefesselt sind. Ein zweites Photo zeigt dieselben Männer auf dem Böden liegend. Sie sind mit Blut überspitzt, ihre Augen starren leblos in den Himmel. Es sind, wie es in dem Bericht zu diesen Bildern heißt, erschossene "Spione". In diesem Fall richteten nicht westpakistanische Militärs ihre Waffen auf Zivilisten, sondern die paramilitärischen bengalischen Grenztruppen (East Pakistan Rifles) griffen sich diese Männer, die aus Westpakistan stammten. Sie mußten sterben, weil sie Pandschabis waren und keine Bengalen.

"Wenn sich Bengalen als Bengalen und Pandschabis als Pandschabis betrachten und beide sich nicht mehr als Pakistanis fühlen, dann ist es mit dem Staate Pakistan aus", prophezeiten vor 25 Jahren, als Pakistan aus den Teilen West- und Ostpakistan gegründet wurde, einsichtsvolle Politiker. 25 Jahre lang hielt der gemeinsame Glaube an Mohammed und die gemeinsame Feindschaft gegen Indien die beiden Landesteile zusammen. Aber als bei den Wahlen im Dezember 1970 Scheich Mujibur Rahman siegte, der seinen Wählern ein "unabhängiges" Ostpakistan versprochen hatte, begann die Krise.

Jetzt fließt Blut, jetzt herrscht "Biafra" in Pakistan, wie Beobachter den Bürgerkrieg beschreiben. Auf der einen Seite 90 000 Mann Elitetruppen aus Westpakistan. Auf der anderen ein Volk von 75 Millionen Menschen mit einigen tausend Polizisten und leicht bewaffneten Grenztruppen.

Einen Trumpf scheint die Armee in der Hand zu haben: Sie hat, so lauten übereinstimmend die Berichte, Mujibur verhaftet und bereits nach Westpakistan geflogen. Radio Pakistan kündigte seinen Hörern denn auch bereits einen Hochverratsprozeß an, und Bhutto, der Sieger der Wahlen in Westpakistan, atmete erleichtert auf: "Pakistan ist gerettet."

Es wäre nicht der erste Prozeß, dem sich Scheich Mujibur stellen müßte. Insgesamt saß der Fünfzigjährige neun Jahre und sechs Monate in Haft. Die Anklage lautete stets: "kriminelle Umtriebe", was soviel hieß wie Teilnahme an Demonstrationen und Ungehorsam gegenüber den Behörden.