Von Jan Kurzok

In einer seiner letzten Glossen vor sieben Jahren schrieb der polnische Publizist, Musikprofessor und einstige Znak-Abgeordnete, Stefan Kisielewski, in der Krakauer katholischen Wochenzeitschrift Tygodnik Powszechny: Seine mahnende und warnende Stimme sei vergleichbar mit dem „leisen Summen einer Mücke, die kaum hörbar ist“. Kurz danach verstummte „diese Mücke“, die dem damaligen Gomulka-Regime unbequem wurde. Einer der Gründe dafür war Kisielewskis Artikelserie über die Bundesrepublik, in der er die damalige offizielle kommunistische These von den „blutrünstigen Deutschen“ widerlegte: In Westdeutschland, so notierte er damals, gebe es niemanden, der sich nach einem Krieg sehne und der bereit wäre, gegen Polen zu marschieren; die deutsche Jugend kenne nur einen Wunsch – Geld zu verdienen.

Unter dem Motto „Ohne Dogma“ setzt Kisielewski seit Mitte März dieses Jahres seine wöchentlichen Glossen fort, von denen es in Journalistenkreisen heißt, sie seien der Pfeffer in der polnischen Presse. Sein Wiedererscheinen leitete er mit den Worten ein: Es sei „ein sonderbarer Augenblick eingetreten. In solchen Augenblicken ist es, wie ich höre, nicht angebracht, sich mit den vergangenen 25 Jahren zu beschäftigen, nicht an der Zeit, zu beschuldigen, zu kritisieren, zu triumphieren und sich auseinanderzusetzen mit dem, was gewesen ist, sondern als Ausgangspunkt muß man das annehmen, was gegenwärtig ist, und versuchen, die Angelegenheit auf dem Gleis weiterzuschieben, auf dem sie sich befindet“.

Eine scharfe Abfuhr erteilte Kisielewski dann in der nächsten Glosse dem Journalisten Wieslaw Gornicki, der in der März-Ausgabe der Monatszeitschrift Odra (Die Oder) eine „Reportage aus Hamburg“ veröffentlicht hatte. Kisielewski antwortete ihm: Es gibt da einen Wieslaw Gornicki, der zweifellos zu diesen Schmierfinken gehört, die mich in Raserei versetzen. Seine festgebackenen und irrationalen Haßgefühle, seine wunderlichen Komplexe und Hirngespinste, seine Entstellungen und historischen Mystifikationen wären eines speziellen Freudschen Studiums wert.“

Gornicki hatte in seinem Bericht aus Hamburg auch eine zufällige Begegnung mit einer etwa 50jährigen Frau geschildert, die sich als Flüchtling aus Brieg entpuppte. Nachdem die Frau erfuhr, daß er Pole war, kam es zum folgenden Dialog: „Ich hasse euch. Ich komme aus Brieg.“ – „Diese Stadt heißt Brzeg.“ – „Kein Bschegg! Kein Bschegg! Ach, wie ich euch hasse, polnisches Vieh. Gott wird euch noch strafen!“ Schließlich gab die Deutsche zu verstehen, daß sie Ende des Krieges von vier Polen vergewaltigt worden war.

„Meine erste Reaktion darauf“, schrieb Gornicki weiter, „war die Selbstverteidigung: Das waren nicht wir! Das ist unmöglich. Sie lügt. Sicherlich hat sie diese Geschichte erdacht und glaubt am Ende selbst daran...“ Doch fühlt er sich auch schuldig, „selbst wenn dieses Unrecht an der Frau nur ein Tropfen im Ozean des von meinen Landsleuten begangenen gesamten Unrechts darstellt. Trotzdem kann ich in mir kein Gefühl, das in einem gewissen politischen Dokument vor einigen Jahren als ‚Bitte um Vergebung‘ bezeichnet wurde, entdecken.“ (Gemeint ist die Versöhnungsbotschaft der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder.)

„Was mich anbelangt“, bekannte Gornicki weiter, „so beabsichtige ich, dem deutschen Volk nichts zu verzeihen und auch nicht bei ihm wegen der unglücklichen Frau aus Brieg um Vergebung der Schuld zu betteln. Wir haben keinen Grund, auch nur ein einziges Wort von dem, was vom 1. September 1939 bis zum heutigen Tage gesagt wurde, zurückzunehmen. Die polnische Politik hinsichtlich Deutschlands sowie unsere Beurteilung des im deutschen Volk herrschenden Geistes erfordern keinerlei nachträgliche Revisionen und Korrekturen, sondern eine ständige Vergegenwärtigung dessen, was gewesen ist.“

Kisielewski über seinen Kollegen Gornicki: Ein „Virtuose des Nervenspiels“. Er kreidete ihm vor allem an, daß er seine polemische Reportage in einem Augenblick veröffentlichte, „da die polnische Presse ganz allgemein zur gegenseitigen weltanschaulichen Achtung aufruft, im Zusammenhang mit der Normalisierung des deutschpolnischen Verhältnisses, auf die viele Augen gerichtet sind“.