Münster

Daß Bilder in der Tagespresse zu Leserbriefen animieren, geschieht recht selten. Nicht einmal die Kriegsgreuel in Vietnam sind stark genug, zum Formulieren der eigenen Empörung zu reizen. Um so erstaunlicher ist deshalb eine Leserbriefflut, die der konservativen Rheinischen Post zuteil wurde.

Das Blatt („Zeitung für Politik und christliche Kultur“) veröffentlichte am 3. März einen Artikel über die Aufführung der Sex-Revue „Oh Calcutta“ auf St. Pauli und garnierte diesen Bericht mit einem Photo, auf dem sich elf Nackedeis, dicht aneinandergedrängt, im Ringelreihen bewegten. Dieses Bild, nicht etwa der dazugehörende Artikel oder das Musical selbst, schwoll zu einem Stein des Anstoßes. An ihm erhitzten sich die Leser-Gemüter. Dies erscheint deshalb merkwürdig, weil es zwar die Seitenansicht sechs nackter weiblicher und fünf männlicher Akteure zeigte, alles andere aber verbarg. Pornographisches mußte man schon hineininterpretieren.

Fünfzehn empörte Leser sprachen von „Kloakenniveau“, befürchteten eine „Entmoralisierung nun auch des öffentlichen Lebens“ und fragten, ob auch die Veröffentlichung eines solchen Bildes zur „christlichen Kultur“ gehöre und spielten damit auf den Untertitel der Rheinischen Post an. Ein scharfäugiger Pfarrer erkannte in dem Bild eindeutig Pornographie, und eine aufgebrachte Leserin fühlte sich gar in ihrer Menschenwürde verletzt.

Immerhin – und das entschärfte die Empörung ein wenig – hatten auch dreizehn Leser gegen eine solche Veröffentlichung nichts einzuwenden. Ein Leser fragte – und es las sich wohltuend, nach so viel verbogener Moral fast unglaublich vernünftig –, was denn mit My Lai sei: Das sei Schweinerei und nicht die Pornographie.

Abgesehen davon, daß auch Informationen über beispielsweise dieses Musical zur Berichterstattung gehören; abgesehen auch von der offensichtlich weit fortgeschrittenen Bewußtseinstrübung einiger Leser, die christliche Kultur und nackte Haut nicht zu vereinbaren wissen, mit Kriegsverbrechen aber sehr wohl zu Rande kommen und sie am Frühstückstisch beim Kaffee recht gut verdauen, abgesehen davon erlaubt diese Episode Rückschlüsse auf das sehr feste Band zwischen einer Zeitung und ihren Lesern.

Fast alle Zeitungen erfüllen ihre öffentliche Aufgabe, informierend und kommentierend an der Meinungsbildung mitzuwirken, nur in einem sehr geringen Maße. Sie können sich nur schwer lösen vom traditionellen Zeitungsmachen. Wenn man von der Tatsache ausgeht, daß der Leser meist nur die Zeitung liest, die seiner eigenen Ansicht am meisten entspricht, seine eigenen Urteile und Vorurteile somit bestätigen und festigen hilft, kann von einer „Meinungsbildung“ kaum gesprochen werden. Zu oft fehlt die entgegengesetzte Auffassung, die ein eigenes Urteil erst ermöglicht. In den elf Nackedeis der Rheinischen Post aber lag eine – wenn auch vermutlich unbeabsichtigte – Chance.

Klaus Pepperhoff