Von Wolf Donner

Gabi sucht einen Mann, den sie schnell heiraten kann, damit sie nicht ausgewiesen wird. Sie läßt sich herumreichen, lernt viele Leute kennen, aber ihre „Odyssee durch den Underground“ bleibt erfolglos.

Diese lose Handlung hat eine neunzehnjährige Teefabrikantentochter, die sich „Blondie“ nennt, in einem Schulheft skizziert und einem Jungfilmer in die Hand gedrückt. Und Robert Van Ackeren, fünfundzwanzig Jahre alt, drehte die Geschichte im vergangenen Herbst in neun Tagen mit lauter Originaltypen, Laien also, in Berlin ab. Er hatte vorher schon etliche kurze und lange Underground-Filme gemacht und gilt als der beste und begehrteste Kameramann des jungen Films. Er hat mit Klaus Lemke, Werner Schroeter, Roland Klick und Rosa von Praunheim gearbeitet.

Für den Blondie-Film gründete Van Ackeren eine unabhängige Produktionsgruppe, Cine Circus, der die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) gleich die heute beliebteste und billigste Vorreklame verschaffte: Während ihre ersten Instanzen den Film passieren ließen, votierte die höchste und letzte gegen seine Freigabe. Da der Rechtsausschuß der FSK aber keine Verordnungsbefugnisse hat, läuft der Film dennoch.

„Blondie’s Number One“ (der Titel kündigt gleich die geplante „Number Two“ an) ist zwar in den Dialogen, in den Sexszenen und in der Präsentation nackter Körper freizügig und offen, aber erstens ist jede Illustrierte spekulativer als dieser Film, zweitens hört und sieht man in „Flesh“, „Trash“ und im deutschen Pornokitsch auch nicht weniger, und drittens hat Van Ackeren nicht nur einen Film mit den Leuten des Underground-Milieus gemacht, sondern vor allem über sie – hier zu schneiden hätte bedeutet, entstellende Retuschen an einem eindringlichen Porträt einer Gruppe von Jugendlichen um die zwanzig vorzunehmen, die man so direkt und unverstellt noch nicht sich selbst darstellen gesehen hat. Daß sich der Kameramann und Regisseur Van Ackeren ganz zurückhält und sich jeder Ästhetisierung, aber auch jeder moralischen oder überhaupt wertenden Stellungnahme enthält, steigert noch die authentische Qualität dieses Selbstporträts.

Man wird den Film mit denen von Paul Morrissey vergleichen. Gabi irrt durch Berlin wie der Strichjunge Joe durch New York, die Stationen-Dramaturgie (Ein Tag im Leben des oder der ...) ist dort wie hier Vorwand für eine Kette austauschbarer Episoden, der Kreis schließt sich in der Schlußszene wie in „Flesh“ und in „Trash“ mit dem Konstatieren des unveränderten Status quo. Dennoch: Was bei Morrissey eine Nummernfolge beliebiger Star-Arrangements war, ist bei Van Ackeren eine Reihe sich ergänzender Studien und Beobachtungen zu immer dem gleichen Thema. Morrissey konstruiert einen Reigen von Kunstfiguren, in „Trash“ stärker noch als in „Flesh“, so ausdrücklich, daß Joe Dallesandro nun unkontrolliert wirkt, wo er unmittelbar schien, eher verstört, wo er spielen muß – der Jüngling in Kleists „Marionettentheater“ verliert seine Ursprünglichkeit, als er sie der eigenen Kontrolle unterzieht, Joe, als er dem Anspruch genügen muß, ein Superstar zu sein.

Van Ackeren erreicht dagegen tatsächlich eine weitgehende Identität von Person und Rolle; seine Regie bestand nicht wie die Morrisseys im Kalkül jedes Details, sondern darin, eine Atmosphäre zu schaffen, die es seinen Akteuren ermöglichte, sich unverkrampft und wie unbeobachtet mitteilen zu lassen. „Trash“ ist eher eine Komödie, ein Superstar-Film, eine Sozialstucie, ein Drogen- oder Antisex-Film als „authentisches Kino“, wie häufig zu lesen war; aus „Blondie’s Number One“ dagegen erfährt man eine Menge über die Stimmung unter den etwa Achtzehn- bis Zwanzigjährigen, über ihr Denken und Verhalten, man erfährt es vordergründig auch aus der neutral-neugierigen Perspektive Gabis, die dieser Welt fremd gegenübersteht.