Es mag sein, daß die Frage, ob Gott katholisch sei, eine ist, über die nachzudenken sich für manche Leute lohnt. Vor Jahren zweifelte ja Rolf Hochhuth mit seinem „Stellvertreter“ ganz ernsthaft daran. Mehr scherzend versuchte es ihm jetzt Herbert Rosendorfer gleichzutun. In Freiburg, wo des Satirikers, Juristen, Tirolers, Wahlbayern und vertrackt-hinterlistigen Erzählers erstes Bühnenstück – es trägt den Titel „Scheiblgrieß“ – im Schatten des Münsters uraufgeführt wurde, klatschten die Leute begeisterten Gesinnungsapplaus, als jemand mutig die katholische Religionszugehörigkeit des lieben Gottes in Frage stellte.

Außer dieser Frage kam auf der Bühne folgendes vor: ein Priester wiederholt, in rasanter Steigerung, die Wunder Christi in heutiger Zeit, in einem bayerischen Ort namens Scheiblgrieß, der darauf angelegt ist, eine Art Oberammergau in statu nascendi zu sein. Der Kirche sind diese Wunder unbequem, den geschäftswitternden Dorfbewohnern, die sie zum Devotionalien-Tourismus ausbeuten möchten, umso willkommener. Die Kirche schafft es, daß der Wundertäter in die Irrenanstalt kommt, die Bewohner wiederum schaffen es, daß der Wundermann, nach wundersamer Flucht, sich zum Theaterregisseur eines bayerischen Weibespektakels mausert, wobei er selbst die Rolle des Christus übernimmt.

Doch wie Theaterleute wissen: es führt oft zu nichts Gutem, wenn man gleichzeitig Regie führt und die Hauptrolle spielt. So auch hier: ein heimtückischer Abt schleicht sich unter die probenden Dörfler und erstickt den Christus, als dieser gerade am Kreuz seinen berühmten Vorgänger imitiert: diesmal nicht wunderwirkend, sondern spielend-stellvertretend.

Wer eine ernste Pointe in einem Stück, das sich viel auf seinen Humor zugute hält, suchen wollte, müßte mit einem Seufzer sagen, daß auch Rosendorfer zu der traurigen Erkenntnis gekommen ist, ein neuer Christus würde das alte Ende nehmen.

Aber ich glaube, man muß schon arg katholisch sein, um den immer mal wieder vorgebrachten Gedanken als kühn, wahr und interessant schätzen zu können, der heutigen Kirche wären echte Wunder höchst unangenehm. Schlichtes Gemüt, das ich bin, denke ich, der Kirche käme in einer Zeit der Austritte aus Steuerersparnisgründen die Werbewirkung biblischer Wunder gar nicht schlecht zupaß. Wer wie Rosendorfers Dorfpfarrer Tote erwecken, Lahme heilen könnte, der wäre nicht im Irrenhaus, sondern im Außendienst. Und würde nicht ermordet, sondern bekäme eine jesuitische Leibwache.

Aber wenn Rosendorfer sich dieses Einfalls bedient, dann meint er ihn nicht so ernst wie seine schreibenden Glaubensbrüder und Vorgänger, die dies suggerierten, um verquält-augenzwinkernd moderne, „aufgeklärte“ Theologie zu betreiben. Er ist also kein schriftstellernder Parallelfall zum fußballspielenden Geistlichen. Aber er meint es – jedenfalls in der jetzigen Freiburger Fassung des Stücks – leider auch nicht so unernst, daß das Thema sich auf das Lustigste selbst widerlegte – eine Eigenschaft, die Rosendorfers querulantisch gegen sich selbst anrennende Prosa so höchst amüsant und geistreich macht. Nein, auf der Bühne wird leider nicht der Schwank des Schwanks daraus, sondern das Stück bleibt peinlich auf seinen Prämissen sitzen, die sich als eine Mischung sanft katholisch-aufklärerischer Humorigkeit und deftig bayerischer Lokalmeierei erweisen.

So wird man bestürzt gewahr, wie das Stück sich aus seinem ursprünglichen doppelbödigen Ansatz rasch zu einem Bayernspaß verflacht, der etwa so qualitätvoll über die Personen Auskunft gibt wie ein magerer Schottenwitz über die Schotten. Leberkäs, hahaha, essen die Bayern, und einen Fremden nennen sie, hohoho, einen „Saupreiß“ oder „Flichtling“.