Von Gisela Brackert

Sie sagen „hier im Tal“ und meinen: bei sich in Barmen, in Elberfeld, in Vohwinkel und Ronsdorf, in Cronenberg und Beyenburg.

Das Stadtteilbewußtsein ist ausgeprägt in einem Gemeinwesen, das es als verwaltungstechnische Einheit erst seit gut vierzig Jahren gibt, und es soll auch heute noch Leute geben, die ernsthaft der Meinung sind, daß eine gute Wuppertaler Adresse nur eine Elberfelder Adresse sein könne.

Als das „bevölkertste und gewerbereichste Tal von ganz Deutschland“ bezeichnet es der Brockhaus des Jahres 1903, und wiewohl ich mich für den Superlativ nicht länger verbürgen kann: gewerbereich (769 Industriebetriebe mit zehn und mehr Beschäftigten) und dicht besiedelt (416 000 Einwohner) ist das Tal auch heute noch.

Die mittelständische Struktur der bodenständigen Industrie (Textilherstellung, daneben hochspezialisierte eisen- und metallverarbeitende Betriebe) ist mehr als nur ein Erbe der Vergangenheit. Sie ist, auch, umständebedingt. Umständebedingt wie die berühmte Schwebebahn, das bizarre treppenreiche Stadtbild, umständebedingt wie die Lage der alten Fabriken im Herzen der City.

Was tun, wenn man als Stadt unter Städten in einer der dichtestbesiedelten Regionen Westdeutschlands weder mit ungenutztem Industrieareal, noch mit landschaftlichen Reizen, nicht einmal mit einem Dom oder sonstigen Attraktionen gesegnet ist und doch in der Formation der Städte nicht ganz ins letzte Glied zurücktreten möchte? Man treibt Kulturpolitik. Für diese Aufgabe haben sich die Wuppertaler vor drei Jahren einen Mann geholt, der Wuppertals Entwicklung zum kulturell profilierten Schnittpunkt zwischen Bergischem Land auf der einen und den rheinischen Metropolen auf der anderen Seite so energisch vorwärts zu treiben versucht, daß es den Wuppertalern gelegentlich ein wenig unbehaglich zu werden beginnt. Dynamische und tüchtige Leute haben in diesem strebsamen Tal aber schon immer was gegolten.

Was man dem Dr. Dr. Klaus Revermann vorwirft, ist denn auch nicht seine Tüchtigkeit, sondern seine unfromme Lust am Neuen, am Provokanten, am Unerprobten. Wenn ein Wuppertaler mit leichter Distanzierung in der Stimme von seinem Kulturdezernenten behauptet, er sei „einfach für alles“, so schwingt in diesem Vorwurf ein Unterton jenes glaubensfesten Puritanismus mit, der dem Wuppertal schon zu Engels Zeiten den Spitznamen „Muckertal“ einbrachte.