Von Hildegard Krahé

Was gilt in der Kinder- und Jugendliteratur nicht alles als Klassiker: Münchhausen und Old Shatterhand, Gulliver und Alice, Heidi und Robinson, Mother Goose und Dr. Faust, Nils Holgerson und Lederstrumpf, Pinocchio und der Struwwelpeter und zahllose andere, auserlesener Lesestoff und das seit Generationen.

Nun ist die Bezeichnung klassisch an sich völlig wertungsfrei; sie sagt lediglich etwas über die Tatsache aus, daß einzelne Bücher über eine lange Zeitspanne als Lektüre Bestand hatten, aber sie besagt absolut nichts über die wertmäßige Gleichberechtigung der mit diesem Prädikat versehenen Titel. Und das bedeutet, daß ein Buch, das sich bislang als Lesestoff bewährt hat, nicht unbedingt wert sein muß, auch weiterhin bewahrt zu werden. Als moralische Kinderklapper oder literarische Zuchtrute haben zum Beispiel die Struwwelpeter-Verse ausgedient und sind museumsreif geworden.

Auch „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher-Stowe ist so ein Buch, dessen Weiterexistenz außerhalb eines Archivs heute kaum noch zumutbar oder vertretbar ist. Auf die Tatsache, daß dieses Buch in beiden Teilen Deutschlands zu den Kinderbuchklassikern gehört, für dessen weitere Verbreitung immer noch sieben westdeutsche Verlage sorgen, reagieren amerikanische Fachleute mit einiger Fassungslosigkeit. In Amerika ist es zu keiner Zeit ein Kinderbuch gewesen, und heute weniger denn je. Immerhin wurde dort inzwischen das Wort „Negro“ aus dem offiziellen Sprachgebrauch verbannt und durch Bezeichnungen wie „Black people“ oder „Colored men“ ersetzt. Bei den Schwarzen selbst ist „Uncle Tom“ eines der ärgsten Schimpfworte, das sie für einen Menschen ihrer Hautfarbe haben, dem sie sklavische Ergebenheit und Mitleidhascherei vorwerfen. Die Sympathie des schwarzen wie des weißen Amerika gehört viel eher der von dem Südstaatendichter Joel Chandler Harris geschaffenen und unsterblich gewordenen Gestalt des Farbigen „Onkel Remus“ und seinen Geschichten von „Breer Rabbit“. Allerdings bedurfte es auch innerhalb Amerikas einiger „Übersetzungen“, um die an das sprachliche Idiom der Südstaaten gebundenen Geschichten allgemeinverständlich zu machen.

Zu den gelungensten neuzeitlichen Fassungen gehören zwei Bilderbuchversionen mit Nachdichtungen von Ennis Rees (graphisch hervorragend durch Edward Gorey komplettiert), von denen jetzt die eine als „Meister Lampe und seine Tricks“ eingedeutscht vorliegt. Dieses Bilderbuch demonstriert überzeugend, wie wandlungsfähig und trotzdem originalgetreu ein uralter Gegenstand der Literatur sein kann, ohne auch nur im geringsten Staub angesetzt zu haben.

Als weitere Bilderbuchüberraschung taucht ein vergessen geglaubtes Stück aus unserem einstigen Repertoire zum Auswendiglernen auf dem Umweg über Amerika wieder auf: Theodor Fontanes „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“. Ob Wieder- oder Neubegegnung, es stellt sich dabei heraus, daß sich die berühmte Ballade von dem alten, inzwischen als „Sir Ribbeck“ in den Staaten heimisch gewordenen Kinderfreund immer noch hören und dank der Illustrierung durch Nonny Hogrogian auch sehen lassen kann. Diese vielseitige, 1966 mit der Caldecott-Medal ausgezeichnete Künstlerin trifft mit der zurückhaltenden Farbgebung und der Lineatur ihrer Holzschnitte genau den unsentimentalen Gefühlston der Verszeilen.

Ans gründliche Sichten und Aufräumen hat sich Walter Scherf, von dem schon einige vorbildliche Klassiker-Neubearbeitungen stammen, bei zwei weiteren unvergänglichen Werken gemacht: seine Neufassung von Swifts „Gullivers Reisen“ ist sorgfältig auf das Sprachempfinden unserer Zeit abgestimmt und beschränkt sich auf die beiden von abenteuerlicher Phantastik erfüllten Teile „Eine Reise nach Lilliput“ und „Eine Reise nach Brobdingnag“. Hervorzuheben sind die Illustrationen, die die Präzision und Farbwirkung alter Stahlstiche haben und in denen das irreale Geschehen durch marionettenhaft wirkende Figuren bildlich in Szene gesetzt ist.

Auch das zweite von Scherf edierte Buch gefällt durch seine ausgesprochen glückliche Obereinstimmung von Text- und Bildteil: Robert Louis Stevensons „Schatzinsel“, von Jozef Wilkon so dramatisch wie realistisch illustriert.

Zu welch ungeahnten Überraschungen das Kramen in den Werken klassischer Erzähler führen kann, zeigt ein neuer Tom-Sawyer-Band. in der Urfassung hat Mark Twain sein komisches Trio zu kindlichen „Innocents abroad“ gemacht und auf Weltreise geschickt, und zwar per Luftschiff in die afrikanische Wüste, wo es „rundherum keine Zivilisation oder andere Art von Menschenschinderei“ gibt. Als burlesker Scherz ohne tiefere Bedeutung, so will dieses Buch genommen werden, doch dafür sind Kinder zwischen acht und zehn Jahren immer zu haben.

Für die nächste Altersgruppe der Zehn- bis Vierzehnjährigen ist eine weitere Twain-Ausgabe gedacht, die unter dem Titel „Der gestohlene weiße Elephant“, sechs Glanzstücke seiner Erzählkunst vereinigt.

Schließlich noch ein Beitrag zu einem alten Thema: Fritz Habecks „Taten und Abenteuer des Doktor Faustus, erzählt von einem Magister der hohen Schule“.

Der skepsisgeladenen Denkweise unserer Tage entsprechend beleuchtet Habeck die seit 1587 bekannte „Historia D. Johann Fausten/dem weitbeschreyten Zauberer und Schwarzkünstler/Wie er sich gegen den Teuffei auff eine benandte Zeit verschrieben/Was er hierzwischen für seltsame Abentheuer gesehen/selbs angerichtet und getrieben/biss er endtlich seinen wol verdienten Lohn empfangen.“

Doch nicht um diesen mythischen Faust geht es Habeck, sondern um die mögliche Lebenswirklichkeit des echten Johannes Faust, der 1507 von Knittlingen im Badischen aus seine Wanderung durch die Lande antrat. Es ist faszinierend, wie Habeck den überlieferten Stoff einer Revision, sprich Entmythologisierung, unterzieht und das Thema konsequent durchhält: Er überantwortet den Menschen Faust nicht dem sich mit Donnergetöse öffnenden Höllenschlund, sondern läßt ihn auf dem Heimweg nach Knittlingen eines banalen Todes sterben. Dabei nimmt man gern einen gedanklichen Bruch in Kauf, der in der von Habeck gesetzten Fiktion besteht, daß sein als Faustens Zeitgenosse berichtender Magister bereits sämtliche Gerüchte, Sagen und Legenden kennt, die sich erst fünfzig Jahre nach Fausts Tod gebildet haben. Denn gerade durch die Einbeziehung der Sagen- und Volksbuchmotive wird Habecks anspruchsvoller Bericht gleichzeitig zur literarischen Dokumentation, die „klassisch“ gewordene Vorstellungen beweglich macht.