Hamburg

Ungewöhnliches geschieht in der Freien und Hansestadt Hamburg: Der frühere Generalkonsul eines befreundeten Landes, noch kommissarisch im Amt, wird am hellichten Tag in seinen Diensträumen erschossen und sowohl der Senat als auch das diplomatische Korps der Hansestadt weigern sich, formelle Trauer anzuberaumen. Zwar äußert ein Senatssprecher „Erschütterung“ über den Mord, aber die Protokollabteilung des Senats einigt sich kurz darauf mit dem Doyen der 76 Hamburger Konsule, daß in Hamburg wegen des Todesfalls keine Dienstflaggen auf halbmast gesetzt werden.

Hamburg will nicht trauern um einen Mann, der im traditionsreichen diplomatischen Korps der Hansestadt nur ein krasser Außenseiter war: Roberto Quintanilla Pereira, 43, Generalkonsul von Bolivien. Am Donnerstag vergangener Woche, morgens um 9.50 Uhr, wird der Diplomat von einer unbekannten Frau mit zwei Revolverschüssen in die rechte Brustseite tödlich verletzt. Die Frau entkommt, der Konsul stirbt wenig später nach seiner Einlieferung in das Hamburger Universitätskrankenhaus.

Die Mörderin läßt am Tatort zurück: ihren Revolver vom Typ „Cobra 38 Spezial“, eine graue Perücke, eine goldgeränderte, schmetterlingsförmige Brille, zwei Mantelknöpfe – die ihr die herbeieilende Sekretärin des Angeschossenen vom Mantel reißt – und einen Zettel mit der Aufschrift: „I Victoria o Muerte“ – Sieg oder Tod. Der Zettel ist unterzeichnet mit den Initialen E.L.N., eine Abkürzung für die revolutionäre bolivianische Guerillero-Organisation „Ejercito de Liberacion Nacional“. Wenige Stunden nach der Tat erhalten bolivianische Zeitungen eine angeblich von der E.L.N. unterzeichnete Erklärung: „Eine unserer Kampfgruppen hat Oberst Quintanilla hingerichtet. Es handelt sich um einen revolutionären Akt der Gerechtigkeit. Quintanilla war für die Ermordung von Inti verantwortlich.“ „Inti“ Peredo, Nachfolger des ermordeten Guerillero-Chefs Che Guevara, war am 9. September 1969 bei einem Gefecht mit der Polizei erschossen worden.

Nach und nach wurden über den früheren Hamburger Generalkonsul weitere Einzelheiten verbreitet. So soll Quintanilla maßgeblich die Jagd auf Che Guevara geleitet haben; nach einer Vernehmung des Rebellenführers durch Quintanilla soll Guevara erschossen worden sein. Bolivianische Zeitungen haben berichtet, daß Quintanilla während seiner Dienstzeit als Chef des bolivianischen Geheimdienstes an sechs Gewaltverbrechen beteiligt gewesen sein soll. So habe er, berichtete die Zeitung Hoy, eine Schlüsselrolle bei der Ermordung des damaligen Staatschefs Rene Barrientos gespielt. Barrientos war am 27. April 1969 in einem Hubschrauber, der nach offiziellen Berichten gegen eine Hochspannungsleitung prallte, ums Leben gekommen.

Quintanilla, der zudem noch in Zusammenhang mit einem Waffenschmuggel nach Israel und der Ermordung des bolivianischen Verlegerehepaars Alexander gebracht worden ist, wurde von der jetzigen bolivianischen nationallinken Regierung des Präsidenten Torres aufgefordert, zu den Anschuldigungen Stellung zu beziehen. Quintanilla, der jede Beteiligung abstritt, schrieb nach La Paz: „Ich bin nur ein kleiner Subaltern-Beamter im Innenministerium gewesen... In meiner Eigenschaft als Chef des Geheimdienstes habe ich nur meine Aufgabe durchgeführt, Ruhe und öffentliche Ordnung sicherzustellen.“

Der nach eigener Einschätzung kleine Subaltem-Beamte, der in Wirklichkeit eine wesentliche Rolle in der bolivianischen Innenpolitik spielte, ist wohl kaum das Opfer revolutionärer Gruppen geworden. In La Paz wird, wie die Welt berichtete, die Echtheit der E.L.N.-Dokumente bezweifelt. Es zeichnet sich ab, daß Quintanilla von Rechtsgruppen als lästiger Mitwisser beiseite geräumt wurde. Quintanilla war bereits am 28. Februar dieses Jahres von der bolivianischen Regierung als Hamburger Generalkonsul abberufen worden. Nach Berichten von Bekannten fürchtete er sich vor einer Rückkehr in sein Heimatland.

Nach Quintanillas Tod ereignet sich weiter Südamerikanisch-Mysteriöses in der nüchternen Handelsmetropole Hamburg: Am Todestag dringen zwei unbekannte Männer in die Halle des Gerichtsmedizinischen Instituts ein und photographieren das Gesicht des Ermordeten. Die Besucher hatten sich den Ärzten unter Tränen als Verwandte des Generalkonsuls vorgestellt.

Dieter Stäcker