DIE ZEIT

Das Jahr der Ungewißheit

Alle haben sich geirrt, Oder doch fast alle. Vielleicht gibt es hier und da Experten, die darauf beharren, sie hätten die konjunkturelle Entwicklung für dieses Jahr exakt vorausgesagt.

Amalrik

Für 1984 hatte der sowjetische Schriftsteller Andrej Amalrik seinem Land den Zerfall des gegenwärtigen kommunistischen Regimes vorausgesagt.

Wir haben Zeit

Nun wird es also keine Oster-Passierscheine geben – aber damit konnte wohl auch niemand mehr rechnen, seit die DDR ihre Absicht, nämlich die Botschaftergespräche zu präjudizieren, nicht durchzusetzen vermochte.

Konzil ohne Kraft

Vor Überraschungen wohl abgeschirmt und vor jeglicher Spontaneität bewahrt, läuft der XXIV. sowjetische Parteikongreß reibungslos über die Moskauer Bühne.

Einig mit London

Freundschaftlich, locker, sachlich und in voller Übereinstimmung seien die Gespräche zwischen dem englischen Premier und seinen deutschen Gastgebern verlaufen, berichtete der Bonner Regierungssprecher, und er machte sich dabei nicht einmal, diplomatischer Schönfärberei schuldig.

Ein "Biafra" in Asien

Wurde Scheich Mujibur Rahman ein Opfer seines politischen Sieges in Ostpakistan?

„Wir sehen kleine Vogels überall“

Seine Hände umspannen das rote Tuch des Rednerpultes. Wie ein Boxer, der hinter der sicheren Deckung seiner Fäuste auf seinen Gegner lauert, ruft.

ZEITSPIEGEL

Mit offenkundiger Befriedigung hat die SPD an Hand einer Detailuntersuchung der Wahlergebnisse in Rheinland-Pfalz festgestellt, daß ihr Anteil an den Wählerstimmen, verglichen mit den Resultaten der letzten Landtagswahl, in Gegenden überdurchschnittlich gestiegen ist, in denen der CSU-Chef Franz Josef Strauß in den Wahlkampf eingegriffen hat.

Calley und das Erbe von Nürnberg

An ein und demselben Tag hat Amerika der Welt seine zwei Gesichter gezeigt: Das Militärgericht in Fort Benning verurteilte den Oberleutnant William Calley wegen Mordes zu lebenslanger Zwangsarbeit, weil er mit seiner Infanterieeinheit im südvietnamesischen Dorf My Lai waffenlose Frauen, Kinder und Greise erschossen hatte.

Der Calley-Hit

In der amerikanischen Hit-Parade hat sich innerhalb weniger Tage ein außergewöhnliches Lied einen Platz erobert: „Der Schlachtgesang des Leutnant Calley“.

Wie konnte My Lai passieren?

Die amerikanische Öffentlichkeit hat die Verbrechen von My Lai noch nicht verkraftet. Der Proteststurm gegen das Urteil von Fort Henning beweist es.

Der Bundestag drückte sich

Je rascher die Zahl der Wehrdienstverweigerer wächst – sie ist binnen drei Jahren von 6000 auf knapp 20 000 gestiegen –, um so dringender wird eine parlamentarische Grundsatzdebatte über dieses Thema.

Vor die Tür gesetzt

In seinem Epilog auf die verhinderte Koalition zwischen SPD und FDP gab der Vorsitzende der Berliner Freien Demokraten, Hermann Oxfort, eine Antwort auf die Schuldfrage.

Aus elf mach eins

Der Parteivorsitzende der SPD, Willy Brandt, und der Vorsitzende der FDP-Fraktion, Mischnik, haben vorgeschlagen, die Landtagswahltermine auf einen Tag in der Mitte der Legislaturperiode des Bundestages zusammenzulegen.

Zur Koalition verdammt

Die Bundesprominenz von SPD und FDP ist sich einig in ihrem Verdruß: Das Ende der Berliner Koalition zwischen den Sozialdemokraten und den Freien Demokraten stört.

Eine polnische Kontroverse

In einer seiner letzten Glossen vor sieben Jahren schrieb der polnische Publizist, Musikprofessor und einstige Znak-Abgeordnete, Stefan Kisielewski, in der Krakauer katholischen Wochenzeitschrift Tygodnik Powszechny: Seine mahnende und warnende Stimme sei vergleichbar mit dem „leisen Summen einer Mücke, die kaum hörbar ist“.

Berlinguer setzt sich zur Wehr

Mit einer Flut von Beschuldigungen wird gegenwärtig der Vize-Parteichef der italienischen Kommunisten, Enrico Berlinguer, von der nicht-kommunistischen Öffentlichkeit seines Landes überschüttet – wobei der eigentliche Anlaß nahezu verschüttet wird: Die Ansprache Berlinguers vor dem Moskauer Parteitag, die in aller Welt als Demonstration des Eigenwillens, ja kommunistischer Ketzerei verstanden worden war.

Wenn Zukunft verplant wird

Wird die Bundesrepublik allmählich eine Technokratie? Diese Frage steht unsicher über dem Streit um die Reorganisation des Bundeskanzleramts, über den Kulissenkämpfen um die Neugliederung aller Beratungsgremien für das Wissenschaftsministerium und auch über den Differenzen des Bundestagspräsidiums mit dem Quickborner Team wegen der Bauprogrammplanung für den neuen Bundestagskomplex.

Bonner Beratungsinstitutionen

Quickborner Team. Gesellschaft für Organisation und Planung mbH., Quickborn Leitung: Eberhard und Wolfgang Schnelle Battelle-Institut e.

Bewährungsfrist für Erim

Eine Diktatur der Obristen blieb der Türkei noch einmal erspart. Ankaras Generäle verordneten lediglich eine Regierung der „Nationalen Koalition“ unter Ministerpräsident Nihat Erim.

Politischer Purzelbaum

Studenten am Institut für Leibesübungen der Universität Hamburg haben schreibend geklagt: „Von den Entwicklungen in den einzelnen Fachwissenschaften wird nur unzureichend Kenntnis genommen und damit auch deren Erkenntnisse nur in Ansätzen für die eigene Erforschung des Gegenstandsbereiches nutzbar gemacht.

Recht in unserer Zeit: Soldaten, Bürger und Herren

Soldaten wohnen nicht mehr auf den Kanonen. Das Recht vollzieht das nach. 1969 hatte das Bundesverwaltungsgericht entschieden, daß Ehebruch, auch mit der Frau eines Soldaten, nicht ohne weiteres untauglich macht zum Offizier (ZEIT 1969 Nr.

Hamburg will nicht trauern

Ungewöhnliches geschieht in der Freien und Hansestadt Hamburg: Der frühere Generalkonsul eines befreundeten Landes, noch kommissarisch im Amt, wird am hellichten Tag in seinen Diensträumen erschossen und sowohl der Senat als auch das diplomatische Korps der Hansestadt weigern sich, formelle Trauer anzuberaumen.

Eine Zeitung und ihre Leser

Daß Bilder in der Tagespresse zu Leserbriefen animieren, geschieht recht selten. Nicht einmal die Kriegsgreuel in Vietnam sind stark genug, zum Formulieren der eigenen Empörung zu reizen.

Bericht aus der DDR:: Rote Fahne mit schwarzem Flor

Schon vierzig Minuten kalte Füße – und noch immer ist von der hohen Leiche nichts zu sehen...“ Der alte Arbeiter vom Kabelwerk Oberspree, einst das Stammwerk der AEG, konnte des Beifalls der Spalierbildenden zum Begräbnis von Hermann Matern sicher sein.

Neue Spannungen um Ostpakistan

In den blutigen Konflikt in Ostpakistan hat sich das sowjetische Staatsoberhaupt Podgorny eingeschaltet. Er appellierte an den pakistanischen Präsidenten Yahya Khan, „unverzüglich Maßnahmen zu treffen, um das Blutvergießen und die Repressalien gegen die Bevölkerung von Ostpakistan zu beenden und zu Methoden einer friedlichen politischen Regelung überzugehen“.

Chile: Sieg für Allende

Chiles Präsident Salvador Allende hat die erste Feuerprobe seiner Regierung bestanden. Bei den Wahlen in 280 Kommunen, zu denen am letzten Sonntag knapp drei Millionen Chilenen aufgerufen waren, errang seine „Unidad Populär“, die von fünf Parteien gebildete Volksfront, gut 51 Prozent der Stimmen.

My-Lai-Urteil: Welle von Protesten

Der wegen eines Massakers in der südvietnamesischen Ortschaft My Lai von einem amerikanischen Militärgericht zu lebenslanger Haft verurteilte und sofort nach der Urteilsverkündung verhaftete Oberleutnant William Calley befindet sich wieder auf freiem Fuß.

Dokumente der ZEIT

Während der gesamten Nachkriegszeit gingen wir wie auch unsere Verbündeten und Freunde davon aus, daß vor allem die Unantastbarkeit der Grenzen der europäischen Staaten die Grundlage für einen dauerhaften Frieden in Europa darstellt.

Passierscheine: DDR lehnt ab

Auch in diesem Jahr können die Westberliner die DDR und Ostberlin zu Ostern nicht besuchen. Die DDR lehnte eine Passierscheinregelung ab, weil – wie es hieß – der Berliner Senat „offensichtlich unter Druck von außen ein ersprießliches Resultat der Verhandlungen verhindert“ habe.

Einig über den Beitritt

Der Beitritt Großbritanniens zur EWG stand im Mittelpunkt zweier Gespräche, die Bundeskanzler Willy Brandt nacheinander mit dem italienischen Regierungschef Emilio Colombo und dem britischen Premierminister Edward Heath führte.

Abrüstungskonferenz: Moskau lenkt ein

Auf der Genfer Abrüstungskonferenz haben sich die Sowjetunion und die anderen Ostblockstaaten Mitte voriger Woche bereit erklärt, einen Vertrag über ein Verbot biologischer Waffen auszuarbeiten.

KPdSU auf altem Kurs

Im außenpolitischen Teil seiner sechsstündigen Rede vor 5000 Delegierten und zahlreichen Abordnungen aus dem In- und Ausland übte Breschnjew die schärfste Kritik an den Vereinigten Staaten von Amerika, denen er eine Verhärtung ihrer Politik vorwarf.

Kein Fortschritt in Nahost

Kairo bemüht sich auf allen Wegen, einen Rückzug der israelischen Truppen aus den besetzten Gebieten zu erreichen. Bis jetzt waren den Bemühungen keine Erfolge beschieden; offizielle und halbamtliche Stellen sprechen immer häufiger davon, daß ein neuer Krieg unvermeidlich sei.

Niedersachsen: Erfolg der CDU

Einen starken Zuwachs für die CDU, Gewinne für die SPD und zum Teil große Verluste für die FDP brachten die Kommunal wählen in 21 Gemeinden Niedersachsens.

Mit A 16 in Berlin

Der Wissenschaftsausschuß auf Exkursion – Ein Beispiel oberflächlichen Anschauungsunterrichts

Das Negativ-Modell

Wir haben uns daran gewöhnt, den deutschen Film gleichzusetzen mit Lümmel-, Kolle-, Heintje und Pornoschnulzen. Es gibt eine gesetzliche Institution, die für ihren Erfolg sorgt: Von jeder verkauften Kinokarte zweigt sie zehn Pfennig ab und gibt den Produzenten dieser Filme, wenn sie innerhalb zweier Jahre 500 000 Mark eingespielt haben, 250 000 Mark für den nächsten Schmarren.

Wer macht wo die Kultur? (II): Etwas sparsamer mit Genüssen

Das Stadtteilbewußtsein ist ausgeprägt in einem Gemeinwesen, das es als verwaltungstechnische Einheit erst seit gut vierzig Jahren gibt, und es soll auch heute noch Leute geben, die ernsthaft der Meinung sind, daß eine gute Wuppertaler Adresse nur eine Elberfelder Adresse sein könne.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Nicht unbedingt der Stücke, sondern der Stimme wegen und ihrer faszinierenden klanglichen Vermischung mit dem von Barbirolli sensibel gesteuerten Orchester sollte man diese Platte besitzen (wie letztlich jede andere Mahler-Aufnahme mit Frau Baker): ein Mezzosopran, der fast klingt wie ein maskuliner Kontratenor, und der zeigt, wie man heute noch Linien singen kann.

Ein Protest, der lange fällig war

Kinderbuchautor zu sein, scheint sich allmählich zu lohnen. Es gibt Bestsellerlisten von Kinderbüchern, Filme nach Kinderromanen, steigende Auflagen, einen Bundeskanzler, der weiß, daß es Kinderliteratur gibt, und einen Bundespräsidenten, der Kinderdichter bei sich empfängt, und selbst die Kinderbuchverleger äußern sich nicht mehr nur sorgenvoll, sondern laden selbst Autoren zu Austern ein.

Die ganze Welt ist Studio

Armand Gatti, heute 47 Jahre alt, hat seit dem Ende der fünfziger Jahre, als er – nach Jahren journalistischer Weltreisen – anfing, fürs Theater zu schreiben, mehr als ein Dutzend großer Stücke vorgelegt.

Wie man Volkswut in Szene setzt

Manche Leute in der CSU haben Pech. Wenn beispielsweise ihr Vorsitzender an Prostituierte gerät, dann ziehen die ihm Geld und Führerschein aus der Tasche.

FILMTIPS

Im Fernsehen: „Die verkaufte Braut“ (1932), von Max Ophüls (West III am 12. April), verfährt mit der Oper nach Belieben. Der Film ist eher subversiv als respektlos, denn er düpiert die Moral derselben Gesellschaft, der die Oper als Genußmittel dient.

Entzauberter Untergrund

Gabi sucht einen Mann, den sie schnell heiraten kann, damit sie nicht ausgewiesen wird. Sie läßt sich herumreichen, lernt viele Leute kennen, aber ihre „Odyssee durch den Underground“ bleibt erfolglos.

Deutscher Expressionismus in Madrid

Der Erfolg, den sein Seminar über Bertolt Brecht erzielte, regte das Deutsche Institut von Madrid dazu an, zusammen mit der Real Escuela de Arte Dramático für drei Monate eine Untersuchung über das Theater zu veranstalten.

ZEITMOSAIK

Nach einem langen Gerangel zwischen demNDR (für die ARD) und der Firma Beta (für das ZDF) hat Ende letzter Woche die amerikanische Produktionsgruppe „Children’s Television Workshop“ endgültig dem NDR Hamburg die Bearbeitungsrechte an der Kinder-Fernseh-Serie „Sesame Street“ zugesprochen.

Kunstkalender

Die erste deutsche Gonzalez-Ausstellung liegt 14 Jahre zurück, Werner Schmalenbach hatte sie für die Kestner-Gesellschaft organisiert.

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