Von Andreas Kohlschütter

Vor Überraschungen wohl abgeschirmt und vor jeglicher Spontaneität bewahrt, läuft der XXIV. sowjetische Parteikongreß reibungslos über die Moskauer Bühne. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Vorsorglich wurden noch einige kritische und „unberechenbare“ Intellektuelle in Irrenanstalten gesperrt.

Den 5000 sorgfältig ausgewählten Delegierten wird jeden Morgen durch das Nadelöhr des „Erlösertors“ Einlaß zum Sitzungssaal, im Kreml gewährt. Sie sind zumeist Berufsfunktionäre, die die Spielregeln kennen und sich an sie halten. Sie wissen, daß sie nicht zum Debattieren, sondern zum Zelebrieren geladen wurden.

Ohne ein Glaubwürdigkeits-Risiko einzugehen, konnte daher die Zeitschrift Sowjetfrau schon vor der Kongreßeröffnung einen Rückblick abdrucken und in ihrer Ende März veröffentlichten Aprilnummer erklären: „Soeben hat der XXIV. Parteitag der KPdSU seine Arbeit beendet. Der Parteitag zog ruhmvolle Bilanz und bestätigte die Direktiven des neuen Fünf-Jahres-Planes.“

Breschnjews sechsstündige Monsterrede, die das Gerüst des ganzen Parteitages bildet, war gekennzeichnet durch eine Mischung von gestärktem sowjetischem Selbstbewußtsein und vorsichtigem Maßhalten. Die Lektüre seines langatmigen Rechenschaftsberichts hinterläßt drei Haupteindrücke: Weltpolitische Mäßigung, ostblockpolitische Härte und innersowjetische Equilibristik.

Weltpolitik: „Wir besitzen alles Notwendige, sowohl eine ehrliche Friedenspolitik als auch militärische Macht“, erklärte Chruschtschows Nachfolger. Dabei lag aber der Akzent deutlich auf der „friedlichen Koexistenz“, die Breschnjew als „reale Kraft der internationalen Entwicklung“ bezeichnete. Indizien für das andauernde Interesse Moskaus an einer weiteren Entspannung des Ost-West-Verhältnisses sind: Breschnjews Aufforderung zu einer politischen Regelung“ der Konflikts in Südostasien und Nahost; der Vorschlag einer „Konferenz der fünf Atommächte“, der zugleich eine respektvolle Geste der Öffnung gegenüber Peking enthält, und schließlich die Befürwortung einer „Reduzierung der Streikräfte in Mitteleuropa“.

Blockpolitik: Die italienischen, französischen, rumänischen und jugoslawischen Parteiführer verlangten in ihren Referaten Unabhängigkeit und nationale Souveränität als Voraussetzung für die internationale Zusammenarbeit. Breschnjew gab jedoch keinerlei Zusicherungen dieser Art. Das läßt auf unverminderte Unduldsamkeit des Kremls gegenüber den in seinem osteuropäischen Hegemonialbereich auftretenden polyzentristischen Strömungen schließen.