Von Eckart Kleßmann

Als man sich 1912/13 in Deutschland anschickte, die Centenar-Feiern der „Befreiungskriege“ mit großem publizistischem Aufwand zu begehen, bestimmten drei Thesen als unangefochtene Grundwahrheiten den historischen Rückblick: Erstens war der Sieg über Napoleon eine Sache Preußens gewesen, das über die richtigen Führer-Persönlichkeiten verfügt hatte; zweitens stand hinter diesen Männern ein in beispielloser Einmütigkeit und Opferwilligkeit geschlossenes Volk; zum dritten endlich war dieses Volk zu seinem Sieg mitbefähigt worden durch verschiedene Reformen zwischen 1807 und 1813, die ein neues Zeitalter verhießen.

Diesen Thesen entsprach das Kontrastbild, das preußische Historiker von jenem Preußen entwarfen, das 1806 von Napoleon militärisch so gedemütigt worden war: ein fast verrotteter Staat von grauslicher Moral, eine verkommene Armee, eine unpatriotische Bevölkerung. Daß die Blücher, Yorck, Scharnhorst ja auch schon 1806 mit von der Partie gewesen waren, kaschierte man mit dem Hinweis, auch sie hätten erst noch ihr „Lehrgeld“ zahlen müssen.

Jetzt liegt ein Buch vor, das erstmals die Dinge ins Lot rückt und statt emotionalen Überschwangs durchweg nachprüfbare Fakten zur Grundlage hat:

Rudolf Ibbeken: „Preußen 1807–1813. Staat und Volk als Idee und in Wirklichkeit“; G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Köln 1970; 476 Seiten, 39,– DM.

Ibbekens Darstellung ist sachbezogen, analytisch, kritisch – nicht emotional eingefärbt und bemerkenswert gut geschrieben. Ausgewertet wurden 176 gedruckte Quellen, dazu unpubliziertes Quellenmaterial aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz.

Wer über das preußische Volk zur Zeit seiner „Erniedrigung“ und „Erhebung“ Bescheid wissen will, darf einige Fakten nicht außer acht lassen: Die fünf Millionen Einwohner Preußens erfuhren Bildung und Information überwiegend durch staatstreue Andachtsbücher und Kalender; in der Schule lernte man wenig Schreiben und Lesen, aber „sehr viel Religionslehre“, und sie symbolisierte sich im Katechismus preußischer Dreieinigkeit: Gott, Martin Luther und der König (Oberhaupt der preußischen Kirche). Dreiviertel der Bevölkerung waren Bauern; seriöse Literatur erreichte nur ein halbes Prozent der Bevölkerung überhaupt. Es war „kein politisches Volk im Sinne der Lehren der französischen Revolution“; von den französischen Siegern ließ sich diese stumpf ergebene Nation darum willig demütigen, die schmähliche Niederlage war ein gottgewolltes Naturereignis.