Von Nina Grunenberg

Seit fast zwei Jahren hat der Ausschuß für Bildung und Wissenschaft keinen Besuch mehr in Berlin gemacht. Das war – auf Drängen der CDU – der eine Grund für seine Reise am vergangenen Freitag.

Die Parlamentarier wollten sich eine Gesamtschule ansehen und die Organisationsstruktur eines Großforschungsinstitutes an Ort und Stelle in Augenschein nehmen. Beides hätten sie auch in Westdeutschland haben können, aber dann wäre die Finanzierung einer Reise schwierig gewesen. Berlin-Reisen bezahlt die Bundesregierung. Das war der andere Grund für die Reise.

Erwartungsgemäß verbreitete ADN vor Antritt des Besuches den Protest aus Ost-Berlin. Unverzüglich wies die Bundesregierung den Protest zurück. Sehr wichtig scheint die DDR den Wissenschaftsausschuß nicht zu nehmen, denn sie verzichtete darauf, an der Grenze „die Autofahrer mit ihrer Meinung zu konfrontieren“. Professor Ulrich Lohmar, der sozialdemokratische Vorsitzende des Ausschusses, vermerkte die „Selbstverständlichkeit“, die keine war, „mit Anerkennung“, und hob nach dem Entenbraten im Hotel Ambassador sein Glas darauf. Soweit die Regularien.

Ihre Rechtfertigung erhielt die verschämte Anstandsvisite von A 16 – unter den ständigen Ausschüssen des Bundestages rangiert der Ausschuß für Bildung und Wissenschaft an 16. Stelle – weniger durch die Politik als durch den Sachzwang. Wer sich ernsthaft über die integrierte Gesamtschule informieren will, den führt kein Weg an der Walter-Gropius-Schule im Berliner Stadtteil Britz-Buckow-Rudow und an ihrem Direktor Mastmann vorbei. Die Anstalt ist das Paradepferd unter den 53 Gesamtschulversuchen in der Bundesrepublik und hatte im vergangenen Jahr die Ehre, aber auch die Last mit viertausend Besuchern.

Zur Erklärung der „integrierten Gesamtschule“ sind schon Bibliotheken zusammengeschrieben worden. Sie soll, zusammengefaßt, im Vergleich zum konventionellen, dreigliedrigen Schulsystem (Volksschule, Mittelschule, Gymnasium) die verschiedenen Schularten so integrieren, daß die Kinder nicht mehr in einer Sackgasse steckenbleiben und ausgelesen, sondern gefördert werden, solange Neigung und Begabung ausreichen. Diesem Prinzip entspricht eine Unterrichtsform, die aus Kern- und Kursfächern besteht und das Sitzenbleiben praktisch unmöglich macht.

Seit es diese Idee gibt, gibt es Streit darum. Bisher wurde er vor allem mit ideologischen Argumenten geführt, allmählich scheint er in eine pragmatische Auseinandersetzung einzumünden. Heute lauten die Gegenargumente vor allem, daß die integrierte Gesamtschule zuviel Lehrer brauche und zu teuer sei.