Harich setzt seine Kritik des Anarchismus genau an diesem Punkt an: „Die Anarchisten verneinen bekanntlich, daß die Gesellschaft zum Kommunismus, als der unerläßlichen Basis des totalen Abbaus von Herrschaft, erst gelangen kann, nachdem, das Proletariat die politische Macht erobert und sich einen eigenen, revolutionären Staat geschaffen hat – einen Staat, dem es obliegt, den Widerstand der gestürzten. Ausbeuterklassen zu brechen, restaurative Bestrebungen jedweder Art im Innern zu unterdrücken und die Revolution nach außen vor den Wühlereien und etwaigen Interventionen anderer, konterrevolutionärer Staaten zu schützen.“

Diesen Übergang konnten und können Anarchisten niemals akzeptieren. Wo sie es versuchten, im Spanischen Bürgerkrieg, in der Münchner Räterepublik 1919, sind sie gescheitert. Der naheliegende Kompromiß auf der Basis des gemeinsamen Sozialismus, konkreter, auf der Basis des Rätegedankens, muß, so verlockend er als Nahziel sein mag, zur Aufgabe des Anarchismus führen. Ein Pakt mit den Marxisten macht aus Anarchisten Marxisten.

Harich wirft den Anarchisten revolutionäre Ungeduld vor: Sie wollten den Zustand der Herrschaftslosigkeit sofort, ohne Umweg über den Staat, und da sie sich mit der Macht nicht einlassen, verfallen sie politischer Abstinenz, gleichbedeutend mit „Apolitizismus“. Die sogenannte „Basisarbeit“, der Versuch, an den schwächsten Stellen der Institutionen zu wirken und dadurch einen Umsturzhebel für das Ganze vorzubereiten, scheint ihm vergebens.

Hier ist zu fragen, wo größere Geduld aufgebracht wird. Die Kleinarbeit der Anarchisten, das unendlich aussichtslose Festhalten am Prinzip der Herrschaftslosigkeit, spricht gegen die These von der revolutionären Ungeduld. Diese hat vielmehr die Marxisten dazu verleitet, „sofort“ eine alles umklammernde Übergangslösung zu erzwingen, freilich mit dem Versprechen der späteren Überführung in den erstrebten Zustand der Herrschaftslosigkeit. Ist es nicht marxistische Ungeduld, die das sich perpetuierende, anscheinend „unentbehrliche machtpolitische Instrumenrium, das der Freiheit ja Grenzen setzt – in bedrängter Lage entsprechend enge Grenzen“, die Diktatur des Proletariats, einführt, weil sie die „objektiven Bedingungen“ für die Abschaffung jeglicher Herrschaft nicht abwarten will?

Und weiter: Harich nennt den Anarchismus den Zwillingsbruder des Reformismus und weist damit auf die Versuche der Anarchisten hin, Veränderungen am Bestehenden zu bewirken. Die Schärfe des Tadels ist nicht zu überhören: Komplizentum mit dem Kapitalismus. Aber ist es denn kein Komplizentum mit dem Gegner, wenn der Marxismus des verwirklichten Sozialismus sich um Handelsbeziehungen, diplomatische Vertretungen, Anerkennung bei den kapitalistischen Staaten bemüht? Sind nicht die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten die größten Komplizen der Weltgeschichte?

Freilich, von der Theorie her gesehen hat Wolfgang Harich recht. Doch wie er eingestehen muß, daß der verwirklichte Sozialismus der kommunistischen Staaten sein Versprechen nicht eingelöst hat – weil der Übergang zum Kommunismus überhaupt noch ausstehe und die Voraussetzungen, die Koexistenz u. a., belastend seien –, so wird er auch, solche Praxis betrachtend, zugeben, daß dem Anarchismus schwere Hindernisse im Weg stehen.

Der Philosoph Harich in Ostberlin kann sich, wie alle Marxisten, auf die genialen theoretischen Fundamente von Marx und Engels stützen, ja er ist retrospektiv in der Lage, ein glasklares Konzept daraus zu destillieren, klarer, als seine Urheber je zu ahnen wagten. Bei dieser Feststellung darf nicht vergessen werden, daß die Auseinandersetzung mit Proudhon und Bakunin, die Marx und Engels ebenso erregt hat wie die Anarchisten, dem Werk unverkennbar genützt, ja es, zum Beispiel in der konstanten Formulierung des gemeinsamen Endziels „Herrschaftslosigkeit“, entscheidend beeinflußt hat.