Am 10. März 1969 übernahm Deutschlands größter Autokonzern eines der kleinsten deutschen Autowerke: Das Volkswagenwerk sicherte sich die NSU Motorenwerke AG, Neckarsulm, durch eine Fusion der VW-Tochter Audi mit NSU zur Audi NSU Autounion. Heute, nach gut zwei Jahren, gilt das, was von NSU übriggeblieben ist, als sanierungsreif – das Management von VW hat es nicht verstanden, aus NSU eine florierende Automarke zu machen.

Für das VW-Management ist die Panne peinlich, für den Vorstand der Audi NSU AG hat sie Konsequenzen. Generaldirektor Dr.-Ing. Gerd Stieler von Heydekampf (66) wurde vorzeitig in den Ruhestand geschickt; Finanzchef Friedrich W. Pollmann (49) geht; Einkaufschef Philipp West (59) geht im Juni; Vertriebschef Dr. Hans Zimmermann (45) hat sich einen neuen Job gesucht. Als Retter für das angeschlagene Unternehmen wählte VW-Chef Kurt Lotz den Manager Rudolf Leiding (56).

Leiding, zuletzt Chef der brasilianischen VW-Filiale, hat sich als Feuerwehrmann für angeschlagene VW-Werke bereits bewährt. Seine Sanierungsbemühungen wird Lotz durch taktische Züge unterstützen. Der wichtigste Zug: Dtrch einen Beherrschungsvertrag mit VW soll Audi NSU völlig unter VW-Kontrolle kommen. Dieser Beherrschungsvertrag aber bedeutet, daß die freien Audi-NSU-Aktionäre (sie halten noch etwa 20 Prozent des Aktienkapitals) abgefunden werden müssen.

Doch der neue Chef, Leiding, hat zunächst andere Sorgen. Er übernahm seinen Job am 1. April – einen Tag vor der Aufsichtsratssitzung, auf der die Bilanz eines katastrophalen Jahres aufgedeckt werden mußte. Die Lage ist, wenn man sich auf die spärlichen Nachrichten verläßt, äußerst prekär. Die NSU-Fahrzeuge fuhren Verluste in unerwarteter Höhe ein.

Nach dem Motto: „Je höher der Umsatz, um so höher der Verlust“, sorgte die Typenreihe „NSU Prinz“ zusammen mit den äußerlich fast gleichen Typen NSU 1000, 12C0 und TT am meisten für rote Zahlen. Aber auch das NSU-Flaggschiff, der wankelmotorisierte „Ro 80“, fuhr über 10 Millionen Mark Verlust ein.

Der stilistisch eigenwillige und vielgepriesene „Ro 80“ soll an einem argen Handikap leiden: Der Wankelmotor gilt als so anfällig, daß das Werk mit Austauschmaschinen kulant sein muß. So spottete ein Aktionär: „Wie man hört. mußte das Werk gleich einen Tausendmarkschein für einen zweiten Motor ins Handschuhfach der Neu wagen legen.“

Verbindliche Zahlen über die Höhe des Verlustes liegen noch nicht vor, doch eines scheint klar: Wenn bei der Bilanzierung alle Abschreibungen vorgenommen und alle Rückstellungsmöglichkeiten ausgeschöpft werden, würde der Verlust 45 bis 50 Millionen Mark erreichen. Bei einem Audi-NSU-Grundkapital von 215 Millionen Mark würden drei weitere schlechte Jahre ausreichen, um das gesamte Grundkapital aufzuzehren.