Hamburg

Studenten am Institut für Leibesübungen der Universität Hamburg haben schreibend geklagt: „Von den Entwicklungen in den einzelnen Fachwissenschaften wird nur unzureichend Kenntnis genommen und damit auch deren Erkenntnisse nur in Ansätzen für die eigene Erforschung des Gegenstandsbereiches nutzbar gemacht.“ Man könnte höhnend darauf hinweisen, daß in solchem Satz sich eine unzureichende Kenntnisnahme der Fachwissenschaft „Deutsch“ dokumentiere; doch zur Sache:

Das Institut hat etwa 660 Studenten; die meisten wollen Lehrer werden. Als für den Institutsrat, wie ihn das Hamburger Universitätsgesetz verlangt, die Studentenvertreter gewählt wurden, gaben einmal 47 und dann 86 ihre Stimme ab. Das, was die Studenten an diesem Institut „Politik“ nennen, wird von einem guten Dutzend betrieben. Einer Experimentierklausel im Universitätsgesetz folgend, hatte sich der Institutsrat nicht drittelparitätisch zusammengesetzt, sondern den Studenten die volle Parität gegeben. Was Rat sein sollte, wurde zu einer Art Ring für Wortgefechte. Die Experimentierklausel war auf ausdrücklichen Wunsch auch der Lehrer und Professoren angewandt worden. Seit man, weil das Experiment mißlang, sich im Institutsrat auf den Boden des Universitätsgesetzes gestellt hat und dem Rat zwei Professoren, ein Dozent, ein Assistent und nur noch ein Student angehören, herrschen unter Hamburgs Sport studierenden und lehrenden Akademikern „Zustände“, die auch außerhalb der Universität Aufsehen erregen.

Von kleinem Ärger, von Denunziation, von der seltsamen Tatsache, daß in einem Krafttrainingsraum die Geräte beschädigt wurden, von Jungakademikern auf Posten- und Pöstchenjagd, von einem Schock von Inter-Instituts-Querelen braucht hier nicht die Rede zu sein. Der große Ärger steht bevor, weil die Studenten auf eine neue Ausbildungsordnung für Sportlehrer drängen. Das wäre gut und richtig; aber was hier angeblich fortschrittliche Studenten fördern, ist Ausdruck einer Mentalität, der jeder Schritt, bei dem Muskeln bewegt werden, offenbar zuviel erscheint. Man möchte Sport studieren und dann wohl auch selbst Sport lehren, ohne sich im Sport weiterhin anzustrengen.

Geturnt wird vor allem in der Theorie. Die „Struktur sensomotorischer Prozesse“, die „Analyse und Verbalisierung sensomotorischer Prozesse“ und auch die „Informationsvermittlung sensomotorischer Prozesse“ will man erfahren. Für Sportmedizin freilich will man statt bislang zwölf bis vierzehn Stunden während des ganzen Studiums nunmehr noch zwei aufwenden. Und was den Sport selbst angeht: ein bißchen treiben wird man ihn schon; aber Prüfungen im Sport, die mit irgendeiner Mindestleistung verbunden sind, soll es weder zu Beginn noch zum Abschluß des Studiums geben. Nur die Methodik, so verlangt man, gelte es zu beherrschen; Leistungen seien nicht mehr zu erbringen.

Man kann über Sinn und Unsinn sportlicher Leistung oder gar des Hochleistungssportes durchaus konträrer Meinung sein. Daß man aber in einem Anfall von Ideologie-Krampf die Leistung im Sport ganz und gar diffamiert, ist schon ein starkes Stück. Leistung wird als „Eigenrealisation“ und als „systemstabilisierend“ abgelehnt. Trainiert wird vor allem der Kehlkopf.

Die Vorstellungen, die ein politischer Kader von Studenten am Hamburger Institut für Leibesübungen hegt, mögen absurd erscheinen. Sie sollen aber nun Inhalt des Studiums werden, eines Studiums, das nun insgesamt nicht mehr mindestens achtzig, sondern nur noch vierzig Stunden währen soll. In den Sportverbänden, im Olympischen Komitee, in den Schulbehörden, Kultusministerien und den Elternbeiräten der Schulen könnte das Anlaß zu einiger Verwunderung sein; aber der Deutsche Sportbund, zum Beispiel, hat auf die Entwicklung, wie sie in Hamburg nun kraß zutage tritt, bislang nicht reagiert. Sportstudenten selbst, die noch Lust am Sport haben, sagen voraus: „Das kann man behaupten: in ihrem Haß auf die Leistung werden die in München auch gegen die Olympischen Spiele demonstrieren!“ rst.